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Norddeutsche Neueste Nachrichten

24. November 2017 | 06:59 Uhr

"Unse Werft ham se anne Wand jefarrn"

vom

svz.de von
erstellt am 21.Aug.2012 | 07:57 Uhr

Stralsund | Müde steht die Stralsunder Werft am sommerlichen Bahndamm. Auf der Kreuzung vor den Werfttoren ist heute wenig los. Eine Kanzlerin und ein Ministerpräsident schauen vorbei und unter den Bahnschienen wartet bedeutungsschwer eine düstere Unterführung. Aus dem Licht fährt es sich in den Schatten, dann rechts zur Insel, links zur Altstadt und hinten geht es nach... Nach Nirgendwo. Volle Fahrt ins Ungewisse, eine Werft am Ende, wie es drei Arbeiter vor den hermetisch abgeriegelten Toren sagen. "Anne Wand jefarrn ham se uns", sagt einer und deutet auf den großen Container voller Büros, voller Schlipsträger und Fehlentscheidungen.

Mit seinem Fahrrad steht Benno Lubinski im Sommerlicht, das heute die Kontraste fördert. Er hat mehr als 40 Jahre auf der Werft gearbeitet. Als Tischlermeister ist er in die hintersten Winkel der großen Pötte gekrochen, hat komplexe Lattenmatrizen gebaut und wurde dann 1997 ausgegliedert. "Das war an sich nix Schlimmes, ein bisschen weniger Kohle ist besser, als seine Arbeit ganz zu verlieren", sagt der Handwerker, der nun bei einem Zulieferer arbeitet. "Aber wenn die hier dicht machen, und die werden dicht machen, dann ziehen die uns alle mit runter. 20 000 Leute, wenn sie mich fragen", erklärt er und wird lauter. Hinter ihm gehen Leiharbeiter mit gesenktem Kopf, die ihren Spint-Inhalt schon in Plastiktüten bei sich tragen. Lubinski stellt sein Fahrrad hin und reibt die Hände. "Die Merkel, die Merkel, die hat doch selbst den Kopf voll Sorgen. Was soll die schon für uns machen hier", fragt er und besinnt sich schnell auf sein konservatives Gemüt. Also der Kanzlerin mache er keinen Vorwurf, die könne hier nur eines machen: "Stimmen verlieren", sagt er laut und lacht. Die Kanzlerin: Überraschend war sie gestern auf die Volkswerft gekommen, doch Hilfe hatte sie nicht im Gepäck. Die knapp 2000 Beschäftigten der P+S-Werften in Stralsund und Wolgast könnten auf keine weitere finanzielle Hilfe von Bund und Land hoffen, machten Merkel und Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) gestern nach einer Betriebsversammlung in Stralsund unmissverständlich deutlich. "Der staatliche Rahmen ist ausgeschöpft", sagte die Bundeskanzlerin. "Wir mussten heute sagen, dass es nicht weitergeht, wenn die Verzögerungen so sind, dass man mit dem Geld, das wir zur Verfügung stellen, nicht auskommt. Das ist die bittere Wahrheit", erklärte Sellering.

Trotz staatlich verbürgter Darlehen in Höhe von 152 Millionen Euro hatte sich die Werftleitung zuletzt nicht mehr in der Lage gesehen, das Sanierungskonzept erfolgreich umzusetzen. Lieferverzögerungen bei zwei Großfähren und zwei Spezialschiffen hatten die Situation im Frühjahr weiter verschärft. Trotz der bedrohlichen Lage kann der Insolvenzantrag für die P+S-Werften nach Einschätzung von Geschäftsführer Fuchs möglicherweise doch noch abgewendet werden. Voraussetzung dafür sei, dass Kunden und Lieferanten einen Beitrag leisten. Dazu liefen derzeit die Gespräche. "Solange es von den Kunden und Lieferanten noch keine abschließenden Antworten gibt, gibt es auch keinen Insolvenzantrag", sagte Fuchs. Wie zu erfahren war, soll es weder heute noch morgen einen Insolvenzantrag geben - Hoffnung in Stralsund.

War denn vor der Katastrophenmeldung aus Schwerin etwas zu merken von der großen Pleite? Tischler Lubinski reckt den Kopf nach vorn und flüstert: "Logisch. Wenn Sie mal in einem Schiffsrumpf stehen und dort Kabinen bauen sollen, es aber keine Konstruktionspläne dafür gibt. Wenn sie dann Däumchen drehen, dann ahnen sie schon was." Die Konstruktionsabteilungen sind vor drei Jahren ausgelagert worden, ein großer Fehler, sagt er.

Vorn an der Schranke plaudern 56 Jahre Werftgeschichte miteinander. 45 Jahre auf Seiten des Schweißers Norbert Rahn und elf Jahre auf Seiten des Schweißers Sebastian Felgenhauer. Bis vor Kurzem waren beide noch Kollegen, knieten sie nebeneinander auf dem Stahl. Der Alte ist seit diesem Jahr in Alters teilzeit und freigestellt. "Eigentlich ein Glück, aber das mit der Rente soll auch nicht hinhauen, wenn sie hier den Bach runtergehen", erklärt er. Die Frau des jungen Schweißers bekommt im Januar den ersten kleinen Felgenhauer. "Das ist doch Verantwortung, das ist doch ...", sagt der Handwerker leise. Ihm stirbt die Stimme fast dabei. Er zieht viel Luft ein und meint, dass er keine Ahnung hat, was er nun machen soll. "Wenn die Werften hier weg sind, ist hier alles tot", findet Norbert Rahn und deutet weit zum Horizont. "Aufträge an sich helfen nämlich gar nix. Man muss Gewinn machen, statt so viele Aufträge zu kriegen, bis man dran erstickt", sagt Rahn und winkt seinem Kollegen zu, der aufs Betriebsgelände fährt. Der Dienst geht weiter, auch wenn angereiste Politiker, Betriebsräte und Geschäftsführer vom großen, vom endgültigen "Aus" reden. Für Danny Memmert vom Zuliefererbetrieb AKB, einem Rohrleitungsspezialisten, wankt die Stralsunder Werft kein Stück. "Hier wurde viel zu viel investiert, wissen Sie. Hier sitzt die ganze Kompetenz, das wird sich doch das Land nicht nehmen lassen", erklärt er. Zu seinem Glück schulde ihm die Werft kein Geld für seine 250 Arbeiter, wie er sagt. Er wischt sich die Falten aus dem Bügelhemd und steigt in die schwarze Limousine mit Greifswalder Kennzeichen.

Doch manche können nicht weg. Wolf Rainer Jung, 44 Jahre Schlosser auf der Stralsunder Werft, ist den Tränen nahe. "Nicht wegen mir, wegen meinem Jungen, der auch hier arbeitet", wie er erklärt. "Das Ganze, auch mit diesen Reden und so weiter, ist ein Trauerspiel, eine Katastrophe", erklärt er. Die Sonne verstärkt seine Sorgenfalten mit harten Kanten. Bis einer ihn fragt, wie er sich jetzt fühle. "Wütend und traurig", sagt er, dreht sich weg und geht den langen Weg über einen noch immer vollen Autoparkplatz. Hinten drohen die Container der Werft mit langen Schatten, Arbeitshallen voller Ungewissheit und ein Vater geht zu seinem Sohn. Einer, der nicht mehr muss, obwohl er kann, und einer, der bald nicht mehr darf, obwohl er will.

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