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Aufarbeitung NS-Geschichte : Uni Rostock gibt Raubgut zurück

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Feierliche Übergabe von neun NS-Raubgut-Bänden an Erbin Audrey Goodman aus Glen Rock (USA).

svz.de von
erstellt am 19.Mai.2016 | 05:00 Uhr

Mit Detektivarbeit zum Ziel: Neun Bücher, die schon eine lange Reise hinter sich haben, begeben sich nun auf ihren vorerst letzten Weg von Rostock nach New Jersey (USA).

Sie zählen zu den 50.000 Büchern aus der Zeit von 1933 bis 1959, die zum Bestand der Universitätsbibliothek Rostock gehören. Darunter befinden sich 4000 raubgutverdächtige Bücher, die von den Nationalsozialisten zur damaligen Zeit unrechtmäßig beschlagnahmt worden sein könnten. Bei mehr als 70 Büchern konnte dieser Fall nun nachgewiesen werden, bei weiteren 150 Schriftwerken ist ein Raub wahrscheinlich. Unter den geraubten Werken sind auch die   neun Bände, die  gestern Nachmittag in der Aula der Universität Rostock feierlich der Erbin Audrey Goodman aus Glen Rock (New Jersey) zurückgegeben wurden.

Doch, was auf den ersten Blick einfach klingt, war es nicht, wie Dr. Antje Strahl vom Projekt NS-Raubgut erzählt. „Es war detektivisches Gespür gefragt“, sagt Strahl. Denn wie solle man in einem Zeitraum von mehr als 70 Jahren herausfinden, wer der rechtmäßige Eigentümer dieser Bücher sei und  ob es womöglich Erben gäbe, so Strahl weiter. Ein kleines Team habe sich dann aber der Aufgabe gestellt und den Bestand nach Hinweisen wie Stempeln und handschriftlichen Signaturen durchsucht.

Hintergrund: Was bedeutet Restitution?
Bei dem Begriff Restitution handelt es sich um die Rückgabe von Büchern, die während der NS-Zeit den Eigentümern entzogen beziehungsweise unrechtmäßig beschlagnahmt wurden. Seit 2014 wird im Projekt der Universitätsbibliothek Rostock versucht, die vorhandenen NS-Raubgut-Bücher ausfindig zu machen. Diese kamen zwischen 1933 und 1959 als Geschenk oder Tauschobjekt an die Rostocker Universitätsbibliothek. Ziel des Projektes ist es, diese Bücher an die rechtmäßigen Eigentümer oder an die Erben zurückzugeben. Unterstützt wird das Projekt vom  Deutschen Zentrum für Kulturgutverlust. Laut derzeitigem Stand  befinden sich rund 4000 NS-Raubgut-Verdachtsfälle in dem Bestand der Bibliothek. 3500 dieser Verdachtsfälle sind bereits im Onlinekatalog der Universitätsbibliothek verzeichnet.

Seit August 2014 wird  die Projektgruppe NS-Raubgut vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste bei ihren Untersuchungen unterstützt. Ziel des Projektes ist die Überprüfung, Erfassung, Katalogisierung sowie die Restitution von verdächtigen Büchern an die rechtmäßigen Besitzer.

So wie im Fall von Audrey Goodman, die als einzige  Erbin der jüdischen Familie Malzer gilt, denen die Bücher einst gehörten. Dabei handelt es sich um Schriftwerke des 19. und 20. Jahrhunderts, darunter Bände der fünf Bücher der Thora nach der Übersetzung von Lipmann Hirsch Loewenstein und das Buch „Sippurim: Prager Sammlung jüdischer Legenden“ von Siegfried Schmitz.  Bei der Flucht vor den Nazis in den 1930er-Jahren hatten die Familienmitglieder die Bücher  in ihrer Heimatstadt Königshofen bei Schweinfurt (Bayern) zurücklassen müssen.

1942 gelangten sie dann als Teil einer Geschenksendung des Oberbürgermeisters in den Bestand der Universitätsbibliothek Rostock. Und gestern nahm sie nun Erbin Audrey Goodman sichtlich gerührt entgegen.

„Wiedergutmachung ist angesichts des Unrechts und Leids, das Menschen erleiden mussten, die von den Nationalsozialisten verfolgt wurden, kaum möglich. Daher sehen wir die Rückgabe der Bücher als einen Akt des Respekts und der Verantwortung, dafür zu sorgen, dass sich so etwas niemals wiederholen darf“, so Uni-Rektor Prof. Wolfgang Schareck.

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