Pflegemutter aus Rostock : „Und plötzlich war ich Mama“

Eine Einheit, die nicht mehr zu trennen ist: Anja Plickat ist die Pflegemama von Eda und Kenan – und für die Kinder mittlerweile viel mehr als das.
Eine Einheit, die nicht mehr zu trennen ist: Anja Plickat ist die Pflegemama von Eda und Kenan – und für die Kinder mittlerweile viel mehr als das.

Nach dem frühen Tod ihrer Freundin übernimmt Anja Plickat die Pflegschaft für deren zwei Kinder

svz.de von
14. Mai 2017, 08:00 Uhr

Mit lautem Hallo stürmen Eda und Kenan durch die Wohnungstür. Schulschluss, die Ranzen landen in der Zimmerecke. Die Geschwister fragen Anja Plickat, ob sie einen Keks vom Tisch naschen dürfen, erzählen von ihren Erlebnissen am Gymnasium und der Siebenjährige zeigt die neuesten Ninjago-Sammelkarten, die er in der Hofpause getauscht hat. „Für den Muttertag haben wir auch gebastelt, aber das kann ich ja noch nicht zeigen“, sagt der freche Blondschopf mit dem ansteckenden Lachen.

Dieser ganz normale Familienalltag ist hart erkämpft, das Glück seit einem Jahr jeden Tag weiter gewachsen, so wie der Zusammenhalt. Denn die 38-jährige Rostockerin ist nicht die leibliche Mutter der Kinder. Sie wurde es, „von einem Tag auf den anderen“, durch einen Schicksalsschlag. Ihre Freundin Katrin starb im Januar 2016 ganz plötzlich an den Folgen einer Krebserkrankung – mit 38.

Eigener Nachwuchs war vorher kein Thema

Ein Jahr vorher hatten die beiden Frauen, die seit Schulzeiten eng befreundet waren, gemeinsam Abitur gemacht und in einer Wohngemeinschaft gelebt hatten, eine Sorgerechtsverfügung aufgesetzt. „Katrin lebte in Krefeld, war alleinerziehend und hatte einen kleinen, am Ende aber harmlosen Unfall. Dennoch stand plötzlich die Frage im Raum, was mit den Kindern wird, wenn ihr etwas passieren sollte“, erinnert sich Anja Plickat. Natürlich hätte sie zugesagt, sich zu kümmern – und das auch so gemeint. „Trotzdem denkt man nicht an den Ernstfall.“

Doch plötzlich, vor gut einem Jahr, trat der ein „und ich war innerhalb von ein paar Stunden zweifache Mama“. Den eigenen Kinderwunsch hätten sie und ihr Mann Michael Pehl immer verschoben. Nach dem Studium folgte die Gründung ihrer IT-Unternehmen mit viel Arbeit, dann Reisen... Eigener Nachwuchs hatte bis dahin nicht in ihre Lebensrealität gepasst. Die Kinder von Freundin Katrin waren bei ihnen immer willkommen. „In den Ferien haben sie uns besucht und wir haben sie natürlich nach Strich und Faden verwöhnt“. Deshalb sei die Sorgerechtsverfügung auch für ihren Mann kein Problem gewesen. „Ohne ihn hätte ich es weder gemacht noch geschafft.“

Als der Anruf aus dem Krefelder Krankenhaus, in das ihre Freundin zu einer Blutuntersuchung eingewiesen worden und dann ins künstliche Koma gefallen war, aus dem sie nicht mehr aufwachen sollte, setzte sich Anja Plickat sofort ins Auto, ihr Mann kam nach. Anstatt Zeit, um die Freundin zu trauern, folgte Bürokratie. „Ich habe mit den verschiedensten Stellen telefoniert und dann erst einmal die Vormundschaft beantragt. Wir konnten die Kinder ja nicht einfach mitnehmen, sie nicht ab- oder ummelden“, erinnert sich die Rostockerin. Zum leiblichen Vater der Kinder hätte es keinen Kontakt gegeben. „Das war auch von Katrin so gewollt, festgelegt und bekannt – das Verhältnis war mehr als schwierig“, erzählt sie.

Improvisation auf 55 Quadratmetern

Als am 1. Februar das richterliche Okay kam, fuhren Anja Plickat und Michael Pehn mit den Kindern zurück an die Ostsee. Gekommen waren die zu zweit – zurück ging es als Quartett. „Da sind zwei Alltage aufeinandergeprallt, da mussten wir unseren Egoismus schnell über Bord werden.“ In der 55 Quadratmeter großen Wohnung gab es natürlich keine Kinderzimmer. „Wir haben improvisiert, unser Bett für die Kinder auseinandergezogen und je eine Wand rosa und blau gestrichen. Wir selbst sind ins Wohnzimmer gezogen“, blickt sie zurück. Schulanmeldung, Wohnungssuche, Ämtergänge – die erste Zeit war voller Termine und Adrenalin. „Natürlich brauchten die Kinder auch Hilfe, sie hatten ja ihre Mama verloren. Wir haben sie deshalb in der Kindertrauergruppe angemeldet“, sagt Plickat. Für sie selbst wäre besonders die unklare Ämter-Zuständigkeit zwischen Krefeld und Rostock eine zusätzliche Belastung gewesen. „Und dass wir ein Seminar für Pflegeeltern besuchen mussten, was ja an sich richtig ist. Aber die Teilnehmer wurden dort ausführlich auf etwas vorbereitet, was vielleicht in ein paar Monaten passiert. Wir hatten die Kinder aber bereits zuhause, waren ins kalte Wasser geworfen worden und mussten schwimmen.“ Dennoch hätte sie den langen Weg nie als Last oder Bürde empfunden oder gedacht „oh Gott, ich muss jetzt ein Versprechen erfüllen“.

Erinnerungen haltenKatrin lebendig

Jetzt, ein Jahr später, sind sie eine ganz normale Familie. Die Kinder haben Freunde gefunden, in einer neuen Wohnung eigene Zimmer und die Vier schmieden Urlaubspläne für den Herbst. „Wir sehen die Kinder als unsere und sind richtig beleidigt, wenn jemand das Gegenteil behauptet“, erzählt Anja Plickat. Die Pflegschaft für die Kinder ist anerkannt, die Vormundschaft liegt bei einer Mitarbeiterin des Rostocker Jugendamtes, die regelmäßig vorbeischaut.

Auch die Fotowand im Wohnzimmer füllt sich immer mehr mit Bildern von gemeinsamen Erlebnissen. Natürlich hängt dort auch ein Bild von Katrin. „An den Feiertagen lassen wir Luftballons für sie steigen, haben auch einen Weihnachtsbaum an ihr Grab gebracht und jetzt, für Muttertag, habe ich mit den Kindern Kerzen gebastelt“, sagt Anja Plickat. Kürzlich hätte Kenan sie Mama genannt. „Das war zuerst komisch, weil ich die richtige Mama ja kenne. Von Eda werde ich wie früher Tante Anja gerufen – das ist völlig in Ordnung.“ Wie eng das Band zwischen ihr und den Kindern aber mittlerweile ist, zeigt ein Brief, den die Elfjährige ihr kürzlich geschrieben hätte. „Ich hab dich lieb wie eine Mutter und da gibt es nichts dran zu rütteln und nichts zu ändern“, steht da neben einem Blumenbild und Herzen. Für Anja Plickat war beim Lesen einmal mehr klar: Sie wurde zwar ganz unerwartet Mama – aber ist es aus vollem Herzen.

Das Pflege-Familien-Zentrum der Caritas sucht in Rostock immer Pflegeeltern. Am 21. Juni gibt es um 19 Uhr eine Informationsveranstaltung für Interessenten in der Volkshochschule, Am Kabutzenhof 20a.

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