patienten : Unabhängige Beratung in Gefahr?

Experten sehen die unabhängige Beratung gefährdet.
Experten sehen die unabhängige Beratung gefährdet.

Experten werfen neuem Betreiber der Anlaufstelle Interessenskonflikt vor

von
29. September 2015, 15:00 Uhr

Immer wenn Patienten Ärger mit ihrer Krankenversicherung oder ihrem Arzt haben, können sie die Unabhängige Patientenberatung (UPD) einschalten. Bis zum 31. Dezember wird diese in Rostock noch von der Verbraucherzentrale Am Strande betrieben. Für die sieben Jahre danach hat das Duisburger Unternehmen Sanvartis den bundesweiten Zuschlag erhalten. Pikant: Sanvartis betreibt auch Callcenter für Krankenkassen – also für diejenigen, die per Gesetz die Unabhängige Patientenberatung finanzieren müssen und den Auftrag dazu vergeben. Statt bisher 5,2 ist dieser nun fast 9,5 Millionen Euro jährlich wert.

Wie die Bundesverbände der Ärzte und Zahnärzte sieht auch die Rostocker Beraterin Mandy Pawils von der Verbraucherzentrale die Unabhängigkeit des Angebots bedroht. „Das wird Sanvartis erst nachweisen müssen“, sagt sie. Interessenkonflikte lägen nahe, zumal gerade die Krankenkassen häufig Ziel der Patientenbeschwerden sind. Beispielsweise, wenn ihnen die Zahlung des Krankengelds verweigert wird. Oder wenn sie – wie eine 86-jährige Rentnerin, die unter Inkontinenz leidet – fünf Monate lang darum kämpfen müssen, die vom Arzt verschriebenen Spezialeinlagen bezahlt zu bekommen. „Ich glaube einfach nicht, dass ein Wirtschaftsunternehmen wie Sanvartis so viel Zeit investiert“, sagt Pawils. Sie hat die Rentnerin bei ihrem Anliegen unterstützend begleitet. „Das war wirklich schwierig“, sagt sie.

Im Monatsschnitt führt das dreiköpfige Rostocker Team rund 300 Gespräche mit Patienten, die häufig mehr als ein Problem plagt. „Wir bieten nicht nur Kurzkontakte, sondern auch umfangreiche Recherchen“, sagt Pawils. Beispielsweise, wenn Patienten der Blick in ihre Krankenakte verweigert wird. Oder wenn ein 69-Jähriger vor seiner Grauen-Star-OP wissen möchte, ob nicht auch Vitamine helfen und ob die vom Augenarzt empfohlenen künstlichen Linsen mit 1500 Euro Zuzahlung wirklich die bessere Wahl sind.

Als Sanvartis den Zuschlag erhielt, „waren wir alle total geschockt“, sagt Pawils. Die drei Rostocker Beraterinnen haben sich bereits arbeitsuchend gemeldet. Laut Sanvartis soll der direkte Kontakt in der Hansestadt erhalten bleiben. In welcher Form und wo ist allerdings noch offen. „Wir sind erst in der Planung“, sagt Unternehmenssprecherin Brigitte Schneider. Fest steht aber, dass eine eigenständige gemeinnützige GmbH die neue Aufgabe übernehmen wird. Sie soll die Zahl der deutschlandweiten Beratungen von derzeit rund 80 000 auf mehr als 220 000 pro Jahr steigern und wie bisher Fehler im Gesundheitssystem offen legen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen