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Norddeutsche Neueste Nachrichten

21. November 2017 | 18:45 Uhr

See und Hafen : Um letzte Stellschraube gerungen

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Nach der Maritimen Konferenz: Ergebnisse versprechen Entlastung der Reeder, doch die Gewerkschaft sieht noch einen Widerspruch

svz.de von
erstellt am 08.Dez.2015 | 22:37 Uhr

Nach den jüngsten Prüfungen des Seeleute-Nachwuchses in der Rostocker AFZ-Schifffahrtsschule konnte mit Jan-Daniel Stangier einer der Absolventen für sehr gute Leistungen ausgezeichnet werden. Der frisch gebackene Schiffsmechaniker wird die Ehrenurkunde von der Berufsbildungsstätte Seeschifffahrt mit gemischten Gefühlen entgegengenommen haben. Seine Reederei, lange Jahre Musterbeispiel für Ausbildung und Beschäftigung heimischer Seeleute, flaggt ihre Flotte aus, deutsche Seearbeitsplätze gehen verloren.

Schiffe unter deutscher Flagge wurden den Reedern mit wenigen Ausnahmen zu teuer. In der Folge war die Flotte unter Schwarz-Rot-Gold fast nur noch an der Hand abzuzählen. Von insgesamt fast 3000 Schiffen unter deutschem Management führten zuletzt noch 340 die heimischen Farben, davon nur 185 Handelsschiffe im internationalen Verkehr.

Die jüngste Maritime Konferenz in Bremerhaven steckte deshalb den Kurs für verbesserte Rahmenbedingungen ab, um den Abwärtstrend der Beschäftigung deutscher Seeleute zu stoppen, das maritime Know-how der deutschen Wirtschaft somit zu sichern. Die Reeder können danach die Lohnsteuer für ihre Seeleute komplett einbehalten und die Senkung der Lohnnebenkosten (Erstattung der Sozialversicherungsbeiträge) wurde in Aussicht gestellt. Bei einem Treffen des Verkehrsministers mit den Reedern morgen in Hamburg wird erwartet, dass auch von einer weiteren zugesagten Entlastung die Rede sein wird: der Anpassung der Schiffsbesetzungsverordnung. Der Verband Deutscher Reeder (VDR) hatte vorgeschlagen, künftig weniger europäische Seeleute an Bord von Schiffen unter deutscher Flagge vorzuschreiben.

Dagegen läuft die Gewerkschaft Verdi Sturm. „Da beißt sich ja die Katze in den Schwanz, ist den Seeleuten nicht mehr vermittelbar. Da werden einmal Gelder zum Erhalt von Arbeitsplätzen zugesagt und mit einer Veränderung der Schiffsbesetzung gleichzeitig weniger deutsche Seearbeitsplätze vorgeschrieben“, erklärt Peter Geitmann (58), der einstige Rostocker Seebetriebsrat und seit einigen Monaten Nationaler Schifffahrtssekretär in der Verdi-Zentrale in Berlin. Insbesondere die Beschäftigung eines deutschen Schiffsmechanikers an Bord stehe auf der gewünschten Streichliste der Reeder, berichtet er. Laut Statistik üben noch etwa 550 Seeleute diese Funktion an Bord aus, kümmern sich unter anderem um die Lagerhaltung und Reparaturen der Schiffe. Insgesamt sind noch 5500 bis 6000 deutsche Seeleute in der Branche tätig – Tendenz rückläufig. Das Gros der frisch gebackenen Schiffsmechaniker setzt die Ausbildung an den Seefahrtsschulen zum nautischen und technischen Schiffsoffizier fort.

Der Reeder-Verband sieht mit der Rücknahme des Kostenblocks den Abwärtstrend gestoppt, berichtet von Absichten einiger ihrer Mitglieder, Schiffe auch wieder unter deutsche beziehungsweise europäische Flagge zu bringen, wähnt auf freiwilliger Basis mehr Beschäftigung. Der Gewerkschafter sieht wiederum das maritime Bündnis infrage gestellt. Mit einer Verordnung, die noch weniger deutsche beziehungsweise europäische Seeleute an Bord vorschreibe, würden noch weniger Chancen auf einen Job haben, hält er dagegen. Für jährliche Leistungen in Millionenhöhe, so Geitmann, müsse es auch Gegenleistungen geben, die den Seeleuten zugutekommen. Der Aderlass hätte seiner Meinung nach auch Auswirkungen auf die Beschäftigung an Land und auf den Lehrberuf. Ausbildung, nach der es in den Unternehmen kaum Aussichten auf Beschäftigung gibt, ist natürlich bei potenziellen Bewerbern weniger gefragt.

Das wurde bereits beim diesjährigen Studienbeginn der Seefahrtsschulen mit erheblich gesunkenen Einschreibungen deutlich und zeigte sich auch vergangene Woche bei den jüngsten Prüfungen an der AFZ-Schifffahrtsschule. Nur noch sechs Azubis (in früheren Jahren waren es schon über 50) stellten sich zum Examen und weitere elf den Zwischenprüfungen und bei den für Anfang April 2016 angesetzten nächsten Prüfungen an der Schifffahrtsschule sehe es nicht besser aus. Die Prüflinge vergangene Woche zeigten sich trotz der trüben Aussichten aber mit guten bis sehr guten Ergebnissen sehr motiviert, kann Geitmann als Vorsitzender der Prüfungskommission berichten. Und er erzählt von Ideen, den Lehrberuf, in den auch Fragen der Elektronik und Mechatronik verstärkt einfließen, noch attraktiver zu gestalten, was vielleicht auch den Ausbildungswünschen für die Passagierschifffahrt wie für Aida Cruises besser entsprechen würde, wo es mit dem Wachsen der Flotte noch großen Nachwuchsbedarf gibt. Der Erhalt der Ausbildungsstandorte sichere das seemännische Know-how bis hin zu maritimen Behörden, so der Schifffahrtssekretär.
Bei den Prüfungen in der Schifffahrtsschule machte sich auch der neue Laeisz-Seebetriebsrat Jens Köhler (51) näher mit der Arbeit der Prüfungskommission vertraut, in der er künftig auch mitarbeiten will. Der Rostocker, der den Seemannsberuf noch bei der DSR erlernte, war unter anderem auf Forschungsschiffen wie „Polarstern“ und „Meteor“ im Einsatz und die letzten Jahre für die Landexpeditionen der Reederei in die Antarktis tätig. Bei Laeisz, so Köhler, wurden gerade wieder fünf Schiffsmechaniker- Azubis eingestellt. Zusagen, dass sie nach der Lehre weiter im Unternehmen tätig sein könnten, gibt es aber gegenwärtig nicht. Die neuen Rahmenbedingungen für die Seeschifffahrt mögen aber auch hier zum Umdenken führen. So wird wohl erwogen, einige der Car-Carrier zurück zu flaggen. Von der Reederei NSB gibt es noch keine Signale, dass die eingeleitete Abkehr von der deutschen Flagge gestoppt wird. Die Ausbildung soll hier erklärtermaßen als interkulturelles Kadettenprogramm in einem Trainingszentrum auf den Philippinen weiterlaufen.


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