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Katharina Seergeva mit Migrationshintergrund : Über hohe Hürden an den Start

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Katharina Seergeva ist einer von 710 Menschen mit Migrationshintergrund, die vom Start-Schülerstipendium des Landes profitieren. Seit einem Jahr ist sie in dem Programm, was ihr berufliche Perspektiven öffnet.

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erstellt am 15.Feb.2012 | 07:06 Uhr

Güstrow | Die junge Frau ist sichtlich entspannt. Die Haare zum Zopf gebunden und mit einem offenen Gesichtsausdruck schildert sie ihren Lebensweg, der sie aus einer kleinen russischen Stadt, nahe Kasan, nach Güstrow führte. Dass ihr das Reden vor Fremden nicht fremd ist, merkt man sofort. Sie spricht vollkommen akzentfrei, obwohl sie mit acht Jahren noch in Russland lebte.

Katharina Seergeva ist einer von 710 jungen Menschen mit Migrationshintergrund, die vom Start-Schülerstipendium des Landes profitieren. Seit einem Jahr ist sie in dem Programm, von dem Bildungsminister Mathias Brodkorb (SPD) sagt: "Das Start-Stipendium ist sehr begehrt. Es fördert junge Migranten, motiviert und eröffnet ihnen berufliche Perspektiven."

Im Jahre 2002 ins Leben gerufen und mit 20 Stipendien gestartet, unterstützen mittlerweile über 100 Kooperationspartner in 14 Bundesländern die Förderung. In MV vergibt die Start-Stiftung, zusammen mit vier Förderern, unter anderem dem Ministerium, die finanzielle und ideelle Unterstützung.

Eine der auserwählten Schülerinnen war im letzten Jahr eben Katharina Seergeva aus Güstrow. Neben einem Laptop mit Internetanschluss erhält sie, wie alle anderen Stipendiaten, jetzt monatlich eine Zahlung von 100 Euro für Bücher, Hefte, Software, Kurse usw. Alles, was sie für ihre Bildung benötigt. Aber die materiellen Vergünstigungen waren nicht der Hauptgrund, um sich dafür zu bewerben. Will man diese Gründe verstehen, muss man das gesamte Leben der leidenschaftlichen Tänzerin betrachten.

Am 13. Mai 1993 in Nischnekamsk in Russland geboren, kam die Enkelin einer Deutschen im Jahre 2002 nach Deutschland. Eigentlich wollte sich die Familie Deutschland nur angucken, schildert die 18-Jährige. "Aber dann sind wir hier irgendwie hängen geblieben", sagt sie mit einem Lächeln. Obwohl es ihnen, nach eigenen Angaben, in Russland nicht schlecht ging, blieb die Familie in Deutschland und kam nach einem einjährigen Aufenthalt im Ausländerwohnheim direkt nach Güstrow.

Fast genau zehn Jahre später wird Katharina voraussichtlich ihr Abitur machen und auch ihre 12-jährige Schwester steckt mitten im Schulalltag. Natürlich gab es auch bei ihr am Anfang Probleme. Besonders das ungewohnte Essen und die fremde Sprache vergrößerten dabei ihr Heimweh. "Aber ständig mit dem Wörterbuch zu arbeiten und jedes Wort einzeln nachzuschlagen habe ich gehasst", so die ehrgeizige Abiturientin. Deshalb hat sie die Sprache auch so schnell wie möglich verinnerlicht.

"Ich bin ein Mensch, der immer Action braucht. Nur Schule, Haus, Schule reicht mir nicht." Und wie wahr diese Aussage ist, erschließt sich, wenn man ihr soziales Engagement betrachtet. Neben der Leitung einer Tanzgruppe, der Organisation interkultureller Veranstaltungen im Kunsthaus, der Unterstützung der Jugendlichen und Kinder in Südosteuropa und diversen weiteren Schulprojekten, schreibt sie für die Jugendseite ihrer Heimatzeitung.

Über eines dieser sozialen Projekte kam sie selbst zu einer unverhofften sozialen Hilfe. Bei der Mitarbeit im Schulprojekt "europeans for peace" übergab ihr eine Lehrerin, begleitet mit den Worten "da musste ich gleich an dich denken", einen Flyer des Start-Stipendiums.

Dann strahlen die Augen der jungen Frau, wenn sie von ihren bisherigen Erlebnissen erzählt. Mit großen Gesten und nie stillstehenden Händen erzählt sie von ihrem Kennenlerntreffen 2010 in Waren. Mit dem Zug angereist wurde sie von allen Mitstipendiaten herzlich aufgenommen. "Alle dort sind engagiert, gehen offen auf einen zu und wollen etwas erreichen. Es sind zwar viele Kulturen, aber alle wollen das Gleiche."

In mehreren Wochenendseminaren in ganz Norddeutschland hatte sie bisher Gelegenheit, Kontakte zu knüpfen und vor allem viel zu lernen. Persönlichkeitsentwicklung, Rhetorik und Medienkompetenz sind dabei nur einige Ansätze, die aufgegriffen werden. So wurde zum Beispiel ein eigener Film gedreht.

"Natürlich ist damit viel Arbeit verbunden und man muss andere Sachen hintenanstellen. Aber so habe ich gelernt Prioritäten zu setzten", schildert Seergeva ihre Entwicklung. Die geopferte Freizeit sei es aber definitiv wert, so die junge Frau, die einmal einen journalistischen Beruf ausüben will. Bevor Katharina Seergeva den Raum verlässt, um wieder einer ihrer sozialen Aktivitäten nachzugehen sagt sie noch: "Die tollen Leute und die ideelle Unterstützung möchte ich auf keinen Fall wieder hergeben." Man glaubt es ihr.

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