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24. Oktober 2017 | 00:48 Uhr

Turbulenzen im Warnowtunnel

vom

svz.de von
erstellt am 08.Sep.2013 | 06:24 Uhr

Rostock | Die Träume der Investoren und Betreiber des Warnowtunnels flogen vor zehn Jahren hoch. Ihre Kalkulationen zur Refinanzierung des 215-Millionen-Euro-Projektes, das Stadtteile im Norden Rostocks diesseits und jenseits der Warnow verbindet, gingen von 20 000 Fahrzeugen pro Tag aus. Ursprünglich sollte der Tunnel, das erste deutsche privat finanzierte Straßenbauprojekt, nach 30 Jahren der öffentlichen Hand übergeben werden. Doch die Prognosen gingen nicht auf - die Rostocker wollten nicht durch die Doppelröhre fahren.

Dennoch ist der Geschäftsführer der Warnowquerung GmbH & Co. KG, Matthias Herrmann, zufrieden. Im August durchquerte das 36-millionste Auto das 790 Meter lange Bauwerk unter der Warnow. "Wir haben im Jahresschnitt täglich 11 000 Fahrzeuge, im Sommer 13 000." Herrmann, der auch von harten Zeiten berichten kann, betont: "Wir haben das Fahrwasser erreicht, das wir brauchen."

Der Tunnel, gebaut in öffentlich-privater Partnerschaft (ÖPP), hätte eine Erfolgsgeschichte sein können. "Von der Idee bis zur Fertigstellung waren es gerade mal acht Jahre, der auf vier Jahre ausgelegte Bau war nach 3,5 Jahren fertig", sagt Herrmann. Auch die geplante Investitionssumme sei eingehalten worden - für heutige öffentliche Großprojekte schier undenkbar. "Wenn wir auf die öffentliche Hand gewartet hätten, wäre der Tunnel heute noch nicht da."

Doch die Rostocker bissen nicht an, sie nahmen lieber den mehr als zehn Kilometer langen Umweg über die Autobahn, um in die Stadt zu kommen. Zunächst wurden täglich nur 5000 Autos gezählt. Das Projekt geriet ins Trudeln, 2005 drohte die Insolvenz. Nach zähen Verhandlungen wurde der Konzessionsvertrag mit Rostock um 20 Jahre bis 2053 verlängert, der Tunnel hatte eine neue Basis. Nur die beiden Privatinvestoren, der französische Baukonzern Bouygues und die australische Bank Macquarie Infrastructure, mussten auf die erhoffte Rendite ihrer 42-Millionen-Euro-Einlage verzichten. "Sie haben das Projekt auf null abgewertet", umschreibt Herrmann die Lage.

Der Tunnel habe sich für die Rostocker ausgezahlt und sei nicht mehr wegzudenken, sagt Verkehrssenator Holger Matthäus (Grüne). "Wir verfügen über eine leistungsfähige Ost-West-Querung, die für viele Rostocker und den Wirtschaftsverkehr bares Geld spart und die Umweltemissionen begrenzt." Wer die Kosten seines Autos realistisch kalkuliere, könne mit der Maut leben. Die kostet in der Sommersaison 3,50 Euro, Dauerbenutzer bekommen bis zu 40 Prozent Rabatt. Nicht auszudenken, wenn bei den Rostocker Verkehrszuständen die mehr als 10 000 Autos auch noch durch die Stadt fahren würden, fügt Herrmann hinzu.

Auch beim 175 Millionen Euro teuren Lübecker Herrentunnel unter der Trave kam die ÖPP zum Einsatz, die Stadt plante zunächst mit 37 000 Durchfahrten pro Tag. Heute sind es nur zwischen 15 000 und 20 000 Fahrzeuge.

Laut Bundesverkehrsministerium gibt es neben Warnow- und Herrentunnel, die auf kommunaler Ebene realisiert wurden, auch Überlegungen, weitere Infrastrukturmaßnahmen im ÖPP-Modus auf Bundesebene umzusetzen. Das größte Projekt könnte die Verlängerung der A20 mit Elbquerung westlich von Hamburg werden. Dafür hat der französische Konzern Vinci vor wenigen Wochen einen Plan vorgelegt - der Warnowtunnel konnte das Unternehmen anscheinend nicht abschrecken.

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