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Bürgerentscheid : Traditionsschiff bleibt in Schmarl

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Rostocker lehnen eine Verlegung in den Stadthafen mit deutlicher Mehrheit ab. Nun droht Streit um das geplante maritime Zentrum

von
erstellt am 24.Sep.2017 | 22:00 Uhr

Als erste haben heute gegen 19.20 Uhr die ausgezählten Wahllokale aus Schmarl, Lichtenhagen und der Rostocker Heide die Richtung des ersten Bürgerentscheids in Rostock vorgegeben. Rund 59 Prozent der Stimmberechtigten dort sprachen sich für den Verbleib des Traditionsschiffs und maritimen Ensembles in Schmarl aus. Diese Tendenz bestätigte sich im Laufe des Abends. Nach 150 von 162 ausgezählten Bezirken lagen die Befürworter des IGA-Parks mit 57,5 Prozent vorne, nur 42,5 Prozent unterstützten eine Verlegung in den Stadthafen.

„Das ist eine Entscheidung, die die Rostocker getroffen haben und das ist zu akzeptieren“, gestand Oberbürgermeister Roland Methling (parteilos) seine Niederlage ein. Er zählte zu den maßgeblichen Befürwortern der Stadthafen-Lösung. Die Kaikante im Zentrum will er dennoch entwickeln, nun eben ohne Traditionsschiff. An einem maritimen Zentrum im Stadthafen hält er jedoch weiter fest, außerdem an der Idee eines benachbarten Archäologischen Landesmuseums sowie einer Brücke nach Gehlsdorf. Bei der Entwicklung des IGA-Parks sieht er die Betreibergesellschaft in der Pflicht. Allerdings habe das Wirtschaftsministerium bereits erklärt, dass es hohe Hürden für mögliche Fördermittel gebe und auch ein fertiges Konzept liege nicht vor – eine Aussage, die Karina Jens (CDU), Chefin des IGA-Aufsichtsrates, nicht hinnehmen will. Sie verweist auf fertige Pläne, die auch die Bürgerschaft bereits beschlossen hatte.

Zugleich erklärt aber auch Jens: „Entscheidend wird sein, Fördermittel zu akquirieren.“ Dazu habe es schon Verhandlungen gegeben, die durch den Bürgerentscheid ins Hintertreffen geraten seien. „Diesen Faden müssen wir wieder aufnehmen“, sagt Jens. Dank der geringeren Kosten im IGA-Park gebe es gesamtstädtisch mehr Handlungsfreiheit. „Das lässt Raum für andere Dinge, zum Beispiel ein neues Theater“, so Jens. Wie sie drängt Sybille Bachmann, Vorsitzende der Fraktion Rostocker Bund/Graue/Aufbruch 09, zur Eile. „Der Oberbürgermeister sollte die Beschlüsse der Bürgerschaft endlich umsetzen“, fordert Bachmann. Aus ihrer Sicht war der Bürgerentscheid überflüssig.

Jan Müller, Politologe der Universität Rostock, hält die Befragung dagegen für richtig. „Direkte Demokratie ist auf kommunaler Ebene gut“, sagt er. Unabhängig vom Ergebnis sei es wichtig, die Bürger in die Entscheidungsprozesse einzubeziehen. Deswegen „ist es richtig, dass man sie fragt“, erklärt der Forscher.

Kommentar: Chance auf einen IGA-Park für alle

Die Entscheidung ist gefallen, aber jetzt kommt der eigentlich schwere Teil. Denn mit dem Votum der Rostocker für den Verbleib des Traditionsschiffes im IGA-Park beginnt die Arbeit. Auf der Tagesordnung steht jetzt die Weichenstellung zum künftigen Umgang mit dem maritimen Erbe in der Hansestadt Rostock sowie für die Gestaltung und Nutzung der attraktiven Areale Stadthafen und IGA-Park. Dessen müssen sich alle Protagonisten bewusst sei.

Zuvorderst sollten die „Unterlegenen“ des Bürgerentscheids deshalb jetzt die Waffen strecken, das Ergebnis akzeptieren und mitmachen. Eine Fortsetzung der seit Jahren geführten Diskussion würde den Prozess lähmen, ihn möglicherweise sogar zum endgültigen Scheitern bringen. Das politische Mandat zum Handeln ist gegeben. Die Mitglieder der Bürgerschaft stehen nun in der besonderen Pflicht, den Willen der Mehrzahl der Rostocker wirtschaftlich machbar und trotzdem visionär umzusetzen.

Weitsicht möge dabei walten. Denn bei diesem Projekt geht es um mehr als um einen traditionsreichen stählernen Riesen. Der Verbleib des Traditionsschiffes im Stadtteil Schmarl muss mit einem Masterplan für den Stadthafen ebenso gekoppelt sein, wie mit der Erarbeitung eines neuen Konzepts für den IGA-Park.

Ist jetzt nicht der Zeitpunkt gekommen, den Rostockern und Gästen der Hansestadt diese grüne Lunge für die tägliche Erholung zu öffnen? Welch ein schönes Bild: Einheimische und Urlauber genießen ohne Zaun und Eintritt die dort so schöne Natur. Familien mit Kindern spielen auf den Grünflächen, treffen sich zum Picknick. Jogger erobern neue Laufstrecken… Und sie alle werden automatisch immer wieder neugierig gemacht auf einen Besuch des Tradis. Deshalb: Gebt den Rostockern den IGA-Park als Wohlfühl-Oase. Möge eine solche Überlegung nicht an der Angst vor mehr Hundehaufen oder vergleichsweise ähnlichen Banalitäten scheitern. Und auch nicht daran, dass dann über die Neuausrichtung der Aufgaben der IGA-Park GmbH nachzudenken wäre – nach dem Bürgerentscheid ist das ohnehin unabdingbar. Alle sollten die Chance für Rostock erkennen und anpacken. Denn, wie gesagt, jetzt kommt der schwere Teil.

Dietmar Tahn

 

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