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Norddeutsche Neueste Nachrichten

17. November 2017 | 22:34 Uhr

Politik : Theater vor ungewisser Zukunft

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Die Bürgerschaft stimmt heute über die Zielvereinbarung mit dem Kultusministerium ab. Minister Brodkorb macht ein unmoralisches Angebot

von
erstellt am 01.Okt.2014 | 06:00 Uhr

In der Bürgerschaft steht heute die Zukunft des Rostocker Volkstheaters auf dem Spiel. Stimmen die Mitglieder für den Abschluss einer Zielvereinbarung mit dem Kultusministerium, muss die Bühne wohl zwei Sparten schließen. Streichkandidaten sind das Tanz- und das Musiktheater. Darüber hinaus steht auch der Haustarifvertrag mit der Norddeutschen Philharmonie zur Abstimmung.

In der von der Verwaltung mit dem Ministerium ausgehandelten Zielvereinbarung wollen Stadt und Land ihre Zuschüsse bis 2020 auf dem aktuellen Niveau einfrieren. Von der Zustimmung der Bürgerschaft macht Kultusminister Mathias Brodkorb (SPD) auch die Auszahlung einer 250 000 Euro-Rate abhängig. Ursprünglich hatte er dem Theater 470 000 Euro zugesichert – zehn Prozent der Zuweisung des Ministeriums. Später senkte er die Rate auf 200 000 Euro. „Einfach so“, wie Aufsichtsratschefin Eva-Maria Kröger (Linke) sagt. Die Erhöhung auf 250 000 Euro kam nach einem Gipfeltreffen mit den Spitzen der Verwaltung und Fraktionen zustande. Laut Grünen solle die Stadt die Differenz auffangen, denn das Geld ist längst gebunden. Bei dem Treffen lockte Brodkorb zudem mit mehr Unterstützung für die freie Kultur, sollte die Bürgerschaft die Zielvereinbarung absegnen.

„Sich mit einem Blitzangebot von 100 000 Euro für die Zerschlagung des Volkstheaters kaufen zu lassen, finde ich unmöglich“, sagt Intendant Sewan Latchinian. Und auch Kulturausschuss-Vorsitzende Susan Schulz (Grüne) kritisiert, „dass die freien Kulturträger gegen das Theater ausgespielt werden“. Die Bühne müsse die Chance erhalten, ihre Einnahmen zu erhöhen.

 

 

 

Kommentar

 

Ein Armutszeugnis für MVs einzige Großstadt



Von Torben Hinz

 

Ja, Rostock hat 150 Millionen Euro Schulden. Und ja, Kultur kostet, im Fall des Volkstheaters 16,6 Millionen Euro in 2014. Aber wo, wenn nicht in Rostock – einzige Großstadt in ganz Mecklenburg-Vorpommern und zugleich Wirtschaftszentrum des Landes – sollte es ein vollwertiges Theater mit den vier Sparten Schauspiel, Musik- und Tanztheater sowie Konzert geben? Das Mecklenburgische Staatstheater Schwerin bringt es mit Musiktheater, Schauspiel, Ballett und Niederdeutscher Fritz-Reuter-Bühne ebenfalls auf vier Sparten. Und sogar auf drei Spielstätten, von denen mindestens zwei deutlich eindrucksvoller als das Große Haus sind. Und das alles, obwohl Schwerin genau wie Rostock rund 150 Millionen Euro Kassenkredite bedienen muss. Dort sprang das Land übrigens jüngst wieder einmal mit bis zu 1,6 Millionen Euro Soforthilfe ein.

Wäre Rostock 1990 Landeshauptstadt geworden, stünden weitere Schließungen am Volkstheater heute wohl gar nicht zur Debatte. Dass die Betroffenen selbst zu großen Einschnitten bereit sind, um ihre Arbeitsplätze zu retten, zeigen nicht zuletzt die schmerzvolle Aufgabe des Theaters im Stadthafen und der angebotene Haustarifvertrag für die Norddeutsche Philharmonie. Die 73 Musiker könnten ebenso gut auf Einhaltung des Flächentarifs klagen. Die Chancen, dass sie Recht bekämen, stünden wohl gar nicht so schlecht. „Das Theater hat sich so stark bewegt wie in den vergangenen 20 Jahren nicht. Das kann man nicht einfach ignorieren“, sagt Dieter Neßelmann (CDU). Recht hat er. Jetzt ist es Sache der (Landes-)Politik, sich zu bewegen und dem Volkstheater und der Stadt die Zukunft zu ermöglichen, die sie verdienen.

 

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