zur Navigation springen
Norddeutsche Neueste Nachrichten

21. November 2017 | 09:27 Uhr

Seelsorge : Tausende suchen Hilfe

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

60 Rostocker Telefonseelsorger betreuen jährlich mehr als 8000 Anrufer. Die Nachfrage übersteigt die Kapazitäten der Stelle. Die Seelsorge sucht daher weitere Helfer.

svz.de von
erstellt am 07.Okt.2014 | 12:00 Uhr

Sie hat gerade erst ihr Studium begonnen, aber schon jetzt geht sie nicht zu den Vorlesungen. Es sind keine äußeren Umstände oder Lustlosigkeit, die die junge Frau abhalten – sondern ihre Depression. Sie kann ihr Studium nicht anpacken, auch wenn sie es noch so sehr will und leidet darunter, fühlt sich allein mit ihrem Problem, versteht sich selbst manchmal nicht. Geschichten wie diese hören Telefonseelsorger, schwierige Fälle von Einsamkeit, chronischen Krankheiten, seelischem Leid. „Seltener als man denkt sind es akute Krisen“, sagt Benno Gierlich, der die Rostocker Telefonseelsorge in Trägerschaft der Caritas MV leitet. Krisen wie Verlust eines geliebten Menschen, Gewalt, oder Trennung sind selten Themen der Gespräche.

Gierlich hat eine Statistik erstellt für die letzten zwei Jahre bis Ende Juli – alles völlig anonym. „Die meisten sind einfach einsam“, sagt Gierlich. Am häufigsten wollten sie über ihre Niedergeschlagenheit reden, ihr körperliches Befinden oder ihre Ängste.

Ob der Studentin bei der Telefonseelsorge geholfen wurde? – So klar lässt sich das gar nicht sagen. Der Telefonseelsorger kann eine Lage nicht ändern, erklärt Gierlich. Er kann zuhören, eine andere Sichtweise eröffnen und so „helfen, damit umzugehen“. 70 Mitarbeiter hat die Rostocker Stelle. 60 davon sind aktiv im Einsatz, übernehmen regelmäßig Vier-Stunden-Schichten. Sie sind zwischen 30 und 75 Jahre alt, weniger als ein Fünftel sind Männer. Angestellte, Krankenschwestern, Akademiker, Studenten, Ruheständler sind unter ihnen. Ihre soziale Ader eint sie. In den letzten zwei Jahren haben sie 30 000 Anrufe angenommen, darunter auch nicht ernst gemeinte. 16 330 waren Seelsorgegespräche. „Die Anrufversuche übersteigen unsere Möglichkeiten“, sagt Gierlich. Um allein eine einzige Leitung 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr besetzt zu halten, braucht es rund 80 ehrenamtliche Mitarbeiter. Die Telefonseelsorge sucht Verstärkung. Geeignet ist aber nicht jeder für diese Arbeit, weiß Gierlich. Seelsorger müssen tolerant, einfühlsam und emotional stabil sein. In einem Einzelgespräch stellt er mit dem Bewerber dessen Eignung heraus. Und auch in der Ausbildung ist der selbstreflexive Ansatz wichtig. „Unsere Idee ist: Je besser ich mich selbst verstehe, desto besser werde ich andere Menschen verstehen können“, erklärt Gierlich.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen