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Wissenschaftler Willi Knappe : „Tägliche Bewegung für alle“

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Mehr Sport im Kindesalter ist der Schlüssel für eine gesunde Entwicklung: Was nötig ist, erklärt Wissenschaftler Willi Knappe im Interview.

Professor Willi Knappe (85) sorgt sich um die Gesundheit der Kinder. Denn der emeritierte Sportwissenschaftler weiß: Sehr viele von ihnen bewegen sich viel zu wenig. Im Gespräch mit NNN-Redakteur Stefan Homann erklärt er, wie sich die Lust auf Sport wecken lässt. Knappe lehrte bis zu seiner Emeritierung am Institut für Sportwissenschaft der Universität Greifswald. Heute lebt und arbeitet er in Rostock. Sein erstes Buch zu Bewegung, Spiel und Gesundheit veröffentlichte er schon 1962: „40 Turnstunden in der 1. und 2. Klasse“. Zuletzt gab er 2011 mit dem Kultusministerium MV „Gesundheitswochen in der Schule mit acht Einzelheften“ heraus.


Wie kann es in Deutschland, einem reichen Land mit großen Ressourcen in Forschung und Bildung, zu einer solchen Häufung von Fehlentwicklungen kommen?   

Knappe: Fehlverhalten und Leistungsschwäche zahlreicher Heranwachsender sind in den vergangenen Jahrzehnten ungelöste Probleme großer Industrienationen geworden. Diese scheinbar unverrückbare Entwicklung wollen wir mit umfangreicher Bewegung im Kindesalter verändern. Zu diesem Vorhaben kann ich auf Grund meiner Erfahrungen und Untersuchungen mit anderen Kollegen im Grundschulbereich für das Alter von sechs bis zehn/elf Empfehlungen zur bewegungsreichen Lebensweise geben. So könnten praktikable Bewegungsangebote und wirkungsvolle Unterstützungen täglicher Spiele und Übungen dazu beitragen, Kindern dauerhaft viel Bewegung zu sichern. Damit würde der Grundstock zu Gesundheit und Leistungsfähigkeit für die Kindheit und das weitere Leben gelegt.

Ist frühzeitige und umfangreiche Bewegung tatsächlich grundlegend für eine gesunde und harmonische Entwicklung der Kinder?

 Gesunde Ernährung, genügend Schlaf, Geborgenheit in der Familie haben großen Einfluss auf die Gesundheit der Kinder. Doch die Bewegung ist im Ensemble der gesundheitsfördernden Faktoren das Ausschlaggebende. Was vor 30, 40 Jahren mit dem Wegbrechen der Bewegung durch die „elektronische Revolution“ verschwunden ist, können sich junge Menschen kaum noch vorstellen. Denn die meisten Eltern und Großeltern von heute erzielten beim Spielen und Umhertollen Millionen Geh- und Laufschritte, hunderttausend Sprünge und Würfe. Damit erlangten sie grundlegendes motorisches Können, koordinative Kompetenzen, Fähigkeiten zum selbstständigen Bewegen und Grundlagen für eine gesunde Entwicklung.

Warum wird bei dieser Sachlage nicht umfangreiche, freudbetonte tägliche Bewegung verstärkt? Alle wollen doch eine gesunde, leistungsfähige Jugend: Eltern, Schulen, Gesundheitswesen, Krankenkassen...

 Die Notwendigkeit umfangreicher Bewegung im Kindesalter für die Gesundheit ist vielen Menschen nicht bewusst und wurde in vergangenen Jahren selbst von den Verantwortlichen für die Gesundheit nicht als Hauptgrund von Früherkrankungen erkannt. Das hatte zur Folge, dass vormals keine tägliche Bewegung initiiert und mit förderndem Helfen und Fordern durchgeführt worden ist. Lediglich einige Eltern, Erzieher und Lehrpersonen führten in Eigeninitiative tägliche Spiele und Übungen mit Kindern durch. Für die gesunde Entwicklung aller Kinder ist jedoch tägliche Bewegung erforderlich. Sie muss so selbstverständlich werden wie das Zähneputzen. Gegenwärtig ist das schwierig, weil viele Kinder und Erwachsene zum bewegungsarmen Leben verleitet werden. Besonders schwer haben es Kinder, die in einem Umfeld mit übermäßigem Essen und Fernsehen sowie extremer Bewegungsarmut aufwachsen. Doch bei allen Schwierigkeiten und Problemen gibt es eine Lösung: tägliche Bewegung für alle Kinder als neuen Anspruch begreifen und gestalten.

Müssen künftig Schulen und Betriebe sowie die gesamte Gesellschaft mit vielen kranken und leistungsschwachen Heranwachsenden auskommen?

Wenn umfangreiche und freudvolle Bewegung nicht ins Kinderleben zurückgeholt wird, dann müssen wir uns auf viele Früherkrankte, Übergewichtige und Leistungsschwache einstellen. Das hat fatale Folgen für die Betroffenen und die Wirtschaft. Bereits gegenwärtig hat Bewegungsarmut viele Kinder in körperliche, geistige und soziale Leistungsschwäche gebracht, sodass einige Betriebe gezwungen sind, die Defizite ihrer Auszubildenden mit zusätzlichem Unterricht notdürftig zu beheben. Anstelle des Beseitigens von Defiziten muss im Kindesalter mit Bewegung und gesunder Lebensweise die Basis für eine gesunde Entwicklung sowie für erfolgreiches Lernen und Arbeiten gelegt werden.

Was muss angepackt werden, um umfangreiches, fröhliches Spielen und Üben in den Alltag der Kinder zurückzuholen?

 Sportstunden, vielfältiges Bewegen in Horten, Kindertagesstätten und Schulpausen bewahren die meisten Kinder vor allzu großer Leistungsschwäche. Ein kleiner Teil von dieser Mehrheit erzielt sogar in Sportvereinen stabile Gesundheit, vor allem durch natürliches Können in der gewählten Sportart. Ein zweiter Teil jedes Geburtenjahrganges hat zu wenig Bewegung und landet oft in Früherkrankung. Diese Kinder sind aber nicht krank geboren worden, sie sind es durch die Erwachsenen geworden, die ihnen keine ausreichende Bewegung sicherten. Doch mehr Bewegung benötigen nicht nur die Bewegungsarmen, Ängstlichen und Übergewichtigen. Alle Kinder brauchen tägliche Bewegung und vor allem individuelle Führung durch die Klassenlehrer. Selbstständiges Bewegungshandeln innerhalb von umfangreichem und freudvollem Spielen und Üben ist das Kernstück bewegungsreicher Gesundheitswochen und nachfolgender Gesundheitsförderung. Diese dafür erforderlichen anspruchsvollen Arbeiten können aber Lehrkräfte nur dann bewältigen, wenn Überfrachtungen, Unsicherheiten und immer wieder neue Aufträge vom Schulleben ferngehalten werden sowie Unterstützung von den Leitungen und anderen gesellschaftlichen Bereichen erfolgt.

 

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