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Norddeutsche Neueste Nachrichten

18. November 2017 | 09:30 Uhr

Biografie : Sumo Alex’ verrücktes Leben

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Kampfsport-Weltmeister, Skinhead-Aussteiger, Rostocker Jung: Alexander Czerwinski bringt seine Biografie heraus

svz.de von
erstellt am 19.Mai.2014 | 06:00 Uhr

„Das Leben – das ist nicht nur Gewinnen und Verlieren“, sagt Alexander Czerwinski (45). Dabei ist eine seiner vielleicht hervorstechendsten Eigenschaften: sich konzentrieren können, auf den Kampf, auf den Gegner, auf den Sieg. Der Mann hat oft noch mal von vorne angefangen in seiner Karriere. Er musste sich gelegentlich auch mal selbst aus dem Sumpf herausziehen, aus der rechten Szene, aus dem Rotlicht-Milieu – und er hat es sportlich immer wieder ganz nach oben geschafft.

Alexander Czerwinski wurde DDR-Spartakiade-Sieger im Judo, holte als Sumo-Ringer den Weltmeistertitel und machte zuletzt mit den Rostock Griffins American Football zum Trendsport in seiner Heimatstadt Rostock. Jetzt hat der 45-Jährige seine Biografie vorgelegt. „Sozialismus – Skinhead – Sumo“, geschrieben vom Berliner Autor Lothar Berg, bringt die Leser ganz dicht ran an Sumo Alex, an seine sportlichen Triumphe und persönlichen Herausforderungen. Ehrlich und direkt. Brutal, nicht nur in der Sprache.

Seine sportliche Geschichte beginnt in einer Turnhalle in Rostock. Es ist die erste Judo-Stunde bei Manfred Sinnhöfer. Alex ist 12, hat enormen Respekt vor dem Trainer und dem, was auf ihn zukommen wird. Sinnhöfer prophezeit: „Aus dem Jungen wird mal was.“ Lange Zeit später, zehn Jahre vielleicht, bietet der Trainer ihm das Du an. So recht daran gewöhnen kann Alex sich nicht. Er siezt Sinnhöfer noch heute.

Von Rostock aus will der Junge aus bürgerlichem Haus nach Frankfurt/Oder. Zweimal wird er abgelehnt. Erst im dritten Anlauf darf er bei der Kinder- und Jugendsportschule des ASK Frankfurt mittrainieren. Er lernt schnell dazu, automatisiert Techniken und Abläufe. Den Finalkampf bei der Spartakiade 1985 entscheidet er in weniger als einer Minute für sich. Und irgendwann nach dieser Zeit reift sein Entschluss zum Ausstieg. Das Leben als DDR-Sportler kommt ihm vorgezeichnet vor, als würde er eine Bob-Bahn hinunterrasen. Der Bob schwenkt in den Kurven aus – die Richtung ändern kann er nicht. Alex aber hinterfragt sich und das System, träumt davon, mit der Deutschen Seereederei auf große Fahrt zu gehen.

Zur gleichen Zeit bekommt er Kontakt zu Dresdener Skinheads. Zwar erlebt er viele dort als unpolitisch. Aber der Eintritt in die Szene ist ein Akt der maximalen Provokation für die sozialistischen Machthaber. „Ich wurde vom Nationalkader zum Staatsfeind Nummer 1“, sagt Alex. Die Lehre bei der DSR kann er sich abschminken, stattdessen macht er eine Ausbildung bei der Rostocker Brauerei. Auch nach der Wende bleibt er in der rechten Szene, liefert sich Rangeleien mit den Ordnern der PDS, als Gregor Gysi in Rostock auftritt, gilt er als Ober-Nazi von Rostock. Zu Hause auf dem Nachttisch liegt gleichzeitig eines seiner Lieblingsbücher vom israelischen Autor Ephraim Kishon. 1992 schmeißt er eine letzte große Party und sagt: „Leute, ich bin raus.“

Alex wird Gastronom, unternimmt ein paar andere Ausflüge ins Nachtleben. Und er findet zurück zum Sport. 1998 beginnt er mit dem Training als Sumo-Ringer. Seine Karriere nimmt noch mal einen steilen Aufstieg: Vize-Meister im Schwergewicht bei den deutschen Meisterschaften 1999, nur ein Jahr später Weltmeister mit der Mannschaft in Sao Paulo (Brasilien). Es sollte nicht das letzte Kapitel sein. Freefight, wieder Judo, American Football. Zwischendurch nimmt er ein Musikvideo auf („Ich bin so geil“). „Sexy Mädels“ hüpfen durchs Bild, wie er sie liebt. Und immer trainiert er wie ein Wahnsinniger. „Den größten Kampf, den kämpfst Du gegen Dich selbst.“

Inzwischen fühlt sich Sumo-Alex, wie ihn seine Fans nennen, auch auf einer ganz neuen Bühne wohl – der Lesebühne. Mit Autor Lothar Berg war er auf der Leipziger Buchmesse. Er stellte „Sozialismus – Skinhead – Sumo“ in Berlin vor und natürlich in Rostock, hat längst weitere Termine geplant, etwa in Lübeck (Freitag, 30. Mai, 21 Uhr, Rivers Café). Bei den Lesungen trifft Alex auf alte Freunde, alte Feinde und auf neue Fans. „Vieles, was uns damals bewegt hat, ist heute doch Folklore“, sagt er.

Alex genießt es, bei den Griffins eine neue sportliche Heimat gefunden zu haben. Im Fitnessstudio kommen heute die Kids zu ihm und wollen Tipps. „Als Silberrücken mach’ ich das doch gerne“, sagt er. Seinen eigentlicher Leitspruch aber hat er auf seiner Brust platziert. „La Vida Loca“ steht dort eintätowiert – das verrückte Leben.

 

 

„Sozialismus – Skindhead – Sumo. Das Leben des Alexander Czerwinski“.

Von Lothar Berg, AAVAA Verlag, Hohen Neuendorf bei Berlin, Taschenbuch, 215 Seiten,

ISBN 978-3944223186


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