zur Navigation springen

Reduzierung auf zwei statt vier Klangkörper soll Bühnen retten : Streichkonzert für Orchester

vom

Runde acht Millionen Euro pro Jahr könnte die Zusammenlegung von vier Orchestern zu zwei Klangkörpern einsparen. Den Theatern würde das finanziell Luft verschaffen, ohne Standorte oder Sparten schließen zu müssen.

Schwerin | Runde acht Millionen Euro pro Jahr könnte die Zusammenlegung von vier Orchestern zu zwei Klangkörpern einsparen - den an der Grenze zur Zahlungsunfähigkeit balancierenden Theatern würde das finanziell Luft verschaffen, ohne Standorte oder Sparten schließen zu müssen. So rechnet es die Studie "Wirtschaftliche Kennzahlen und Strukturdaten aller Mehrspartentheater in MV" der Berliner Unternehmensberatung Verberas Consulting GmbH (wir berichteten) im Auftrag des Landesrechnungshofs vor, die gestern veröffentlicht wurde. Es "müssen die notwendigen einzelbetrieblichen Maßnahmen durch eine strukturelle interkommunale Veränderung bei den Orchestersparten ergänzt werden", heißt es in der Studie, die unserer Zeitung vorliegt. Alternative Szenarien, etwa erneute Personalkürzungen, weitere Haustarifverträge oder Einnahmeerhöhungen seien machbar, seien vielleicht auch sinnvoll - aber eben keine Dauer-Lösung.

Der Präsident des Landesrechnungshofes. Tilman Schweisfurth, betonte, der Bericht habe zuerst einmal "Transparenz herstellen" sollen über die finanziellen Verhältnisse der Theater. Schließlich klagten die Bühnen-Chefs immer wieder, ihre Häuser seien unterfinanziert. Nur, und mit den entsprechenden Zahlen beginnt der Veberas-Bericht: Land und Kommunen in MV geben mit insgesamt rund 60 Millionen Euro und pro Einwohner 36,15 Euro deutlich mehr Geld aus als ähnlich finanzschwache Flächenländer im Westen, wo im Schnitt nur 19,90 Euro pro Einwohner in die Theater fließen. "Das sind um 80 Prozent höhere öffentliche Zuschüsse", so Tilmann Schweisfurth. Es sei fraglich, ob Land und Kommunen angesichts künftig sinkender Solidarpakt-Zuweisungen dieses Förder-Niveau halten können und wollen.

Die aktuelle Studie solle eine Grundlage für die nötigen politischen Entscheidungen sein, so Schweisfurth. Er betonte: "Ich plädiere für eine sinnvolle Konzentration der Orchester, nicht für eine Schließung von Theaterstandorten."

Der zuständige Kultusminister Mathias Brodkorb (SPD) ließ seine Sprecherin gestern verkünden, man sei für alle Expertenhinweise dankbar: "Dies gilt auch für Gutachten, die der Landsrechnungshof in Auftrag gegeben hat."

Warum soll es die Orchester treffen? Weil sie mit der größte Kostenfaktor für die Theater sind. Orchester sind zahlenmäßig groß, und die Musiker verdienen relativ gut. In Rostock und Schwerin liegt der Personalkosten-Anteil an den Gesamtausgaben bei rund 82 Prozent - und 30,5 Prozent davon frisst laut Veberas das Orchester. Das Schauspiel beispielsweise hat einen Anteil von 8 Prozent, das Tanztheater von 3,5 Prozent.

Im Detail rechnet die Veberas-Studie so: Vier Orchester mit insgesamt 293 Stellen gibt es, zwei mit dann insgesamt 170 Stellen könnte es geben. Heißt: 123 Musiker müssten gehen, dadurch würden 129 Stellen im Verwaltungsbereich überflüssig, das brächte fast 12 Millionen Personalkosteneinsparung pro Jahr. Wenn allerdings zwei Orchester vier Spielpläne bedienen müssen, entstehen Reisekosten und Mindereinnahmen, da es insgesamt weniger Vorstellungen gibt. Laut Veberas blieben immer noch Einsparungen von ungefähr 8 Millionen übrig.

Fraglich ist aber, wer so ein Streichkonzert bezahlt. Schließlich würden bei Orchesterfusionen Abfindungen fällig, bevor die Einsparungen wirksam werden. Schweisfurth sieht hier das Land in der Pflicht. Und wie bekommt man die Bühnen und ihre Träger dazu, die Orchester-Fusionen anzugehen, wenn ihre Notrufe bisher immer wieder mit Not-Zuschüssen belohnt wurden? Der Veberas-Bericht schlägt eine "nachdrückliche finanzielle Motivation durch den Gesetzgeber" vor. Man könnte das mit "finanzielle Daumenschrauben" übersetzen.

zur Startseite

von
erstellt am 02.Dez.2011 | 06:49 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen