Stapellauf : Starker Start, schwach im Abgang

Beeindruckende Ausstattung von Katharina Sichtling: Die Tanzcompagnie rund um Linda Kuhn lässt Tote auferstehen – ein schaurig schönes „Sacre du printemps“. Fotos: Dorit Gätjen
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Beeindruckende Ausstattung von Katharina Sichtling: Die Tanzcompagnie rund um Linda Kuhn lässt Tote auferstehen – ein schaurig schönes „Sacre du printemps“. Fotos: Dorit Gätjen

Schlauer Nathan, schöne Leichen, schaurige Lieder – Volkstheater startet in neue Saison

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28. September 2015, 06:00 Uhr

Spielzeitauftakt am Volkstheater Rostock. Das sollte auch in diesem Jahr mit einem großen Theaterfest gefeiert werden. Und so lud die Bühne am Sonnabend zum ersten von sechs 2. Stapelläufen ein. „Wir haben gutes Wetter, wir sind ausverkauft und hoch gestimmt“, erklärte Sewan Latchinian, Intendant und kreativer Kopf des Saisonstarts, kurz vor Beginn des Spektakels. Nach dem Einläuten per siebenmaligem Glockenschlag nahmen die Rostocker dann auch ihr Theater in Besitz. Zum Auftakt: das Schauspiel „Nathan der Weise“. Ein passenderes Stück hätte Sewan Latchinian kaum wählen können. Er zeigt es hochaktuell, schärft hier und da nach, wird dadurch brutaler, menschlicher, direkter. Den Pathos verwirft er, führt ihn als poetische Utopie vor. Bernd Färber überzeugt als menschlicher Nathan, dessen Weisheit mehr Klugheit ist als Großdenkertum. Sabrina Frank gibt eine jugendliche, energiegeladene und ungeduldige Templerin. Mit Ulrich Müller wird Saladin zum skrupellosen Diktator. Starke Darsteller und ein rundes Inszenierungskonzept – ein vielversprechender Auftakt.

Das Motto, mit dem der Stapellauf überschrieben ist, Toleranz, lässt sich hier noch recht gut ausmachen, im zweiten Stück nicht mehr. Das ist aber auch egal. Strawinskys „Le sacre du printemps“ verwandelt Rostocks Chefchoreografin in einen Tanz der Toten. Rund um Linda Kuhn, die zu opfernde Schöne im jungfräulich weißen Kleid, tanzt die Compagnie in einer mystischen Mondlandschaft als gehäutete Leichen. Das klingt schaurig, ist aber atemberaubend. Die Norddeutsche Philharmonie spielt dazu. Die rund 40 Minuten sind nach gefühlt zehn leider schon vorbei.

So hätte es weitergehen können, ja müssen. Der letzte Programmpunkt: „Liebeslieder“ – eine bloße Aneinanderreihung von mal mehr, mal weniger bekannten Songs. Was zunächst noch einiges an Unterhaltungswert und Komik hatte, erschöpfte sich schnell. Im Großen und Ganzen blieb der Eindruck einer ungeheuren Ressourcenverschwendung. Denn: Wem ein Ensemble studierter Sänger, ein stimmgewaltiger Opernchor und ein A-Orchester zur Verfügung stehen, der sollte nicht Schauspieler, ob sie nun können oder nicht, zum Singen auf die Bühne jagen. Da ist es mit der Toleranz dann auch vorbei.

Schade, denn nach einem sehr guten „Nathan“ und einem wunderschönen „Sacre“ brannte sich leider vor allem der zum größten Teil einfallslose Liebeslieder-Reigen ein. Ein Finale, das diesen Namen auch verdient, wäre wünschenswert gewesen.

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