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Wossidlo-Forschung in Rostock : Stampft die Uni die Volkskunde ein?

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Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Nach Stellenstreichung befürchtet Institutsleiter das Aus für die maritime und regionale Kulturforschung. Wossidlo-Archiv bleibt erhalten

svz.de von
erstellt am 31.Aug.2017 | 05:00 Uhr

Mehr als drei Millionen Dokumente befinden sich in der Wossidlo-Forschungsstelle der Universität Rostock, die bis vor Kurzem noch Institut für Volkskunde hieß. Neben der Forschungsarbeit mit den historischen Dokumenten werden an der Einrichtung aber auch neue Kulturdaten für MV erhoben: So arbeitet der wissenschaftliche Mitarbeiter Dr. Wolfgang Steusloff seit 1997 an einer umfassenden Publikation mit dem Titel „Der maritime Kulturwandel in MV. Veränderungen an Seestrand, Haff und Bodden seit 1990“. Doch die maritime Volkskunde in Mecklenburg und Vorpommern steht vor dem Aus, denn wenn Steusloff 2020 in Rente geht, wird seine Stelle nicht nachbesetzt.

„Das könnte recht bald die Aufgabe des ganzen Instituts bedeuten“, sagt dessen Leiter Dr. Christoph Schmitt. Mit nur noch einer Stelle sei die Volkskunde perspektivisch nicht zu halten. „Es könnte uns ja egal sein und wir sagen ,Nach uns die Sintflut‘, aber es geht darum, dass hier weiter geforscht werden kann“, sagt Steusloff. So stecke hinter der Forschungsstelle mehr als das Wossidlo-Archiv, wie die maritime Volkskunde und das immaterielle Kulturerbe. „Wir Volkskundler werden zum Beispiel als Gutachter herangezogen, wenn es darum geht, Anwärter für das Unesco-Welterbe zu beurteilen“, sagt Steusloff. Erst kürzlich habe er die Zeesboote der vorpommerschen Boddenkette angesehen. Zudem arbeite die Volkskunde eng mit Museen im Land zusammen und vereine die Arbeit ehrenamtlich tätiger Ortschronisten in einem Netzwerk, mache diese online zugänglich.

„Wir müssen als Volkskundler landesweit arbeiten, die Regional- und Ortskultur von der wissenschaftlichen Seite unterstützen“, sagt Schmitt. Diesen Weg gebe auch das vor knapp einem Jahr beschlossene Heimatprogramm des Kultusministeriums vor, das unter anderem die Stärkung der landesspezifischen Inhalte in Grundschulen – Regionalgeschichte und -kultur, Traditionen, Bräuche und andere volkskundliche Themen vorsieht. „Da ist die Volkskunde gefordert“, unterstreicht Schmitt, aber nicht, wenn es kein Personal gebe. So sei zwar nicht der Erhalt des Wossidlo-Archivs in Gefahr, dafür aber die weitere Forschungsarbeit und die Möglichkeit, Inhalte vermitteln zu können.

Universitätsrektor Prof. Wolfgang Schareck sieht die Arbeit am Institut nicht in Gefahr: „Richtig ist, dass eine Mitarbeiterstelle ab 2020 von der Philosophischen Fakultät anders genutzt werden wird“, so Schareck. Von einem Aus des Wossidlo-Archivs sei keine Rede gewesen. Ferner würde gemeinsam mit dem Land diskutiert, wie dessen Leitung in Zukunft besser in einen starken Verbund zur Regionalforschung eingebunden werden könnte, so der Rektor.

Dem Land sei die hohe kulturelle und landesgeschichtliche Bedeutung des Wossidlo-Archivs bewusst, so Henning Lipski, Sprecher des Bildungsministeriums. Über die Bewirtschaftung von Stellen entscheide die Universität im Rahmen der Hochschulautonomie jedoch eigenverantwortlich. Das Thema steht am 13. September im Bildungsausschuss des Landtags auf der Agenda.

Kommentrar von Katrin Zimmer: Weg vom angestaubten Image
Das Land beschließt ein ganzes Heimatprogramm, das den Erhalt und die Pflege von Traditionen unterstützen soll, und in Rostock wird das Institut für Volkskunde geschlossen? Da passt doch etwas nicht zusammen. Zwar müssen Land und Uni dank Hochschulautonomie nicht dieselben Entscheidungen treffen – was die Heimatpflege betrifft, sollte doch aber der Kurs gleich sein. Denn was nützt das politische Programm, wenn niemand da ist, der es umsetzt? Wenn die Millionen Wossidlo-Dokumente in ihren Schubladen verstauben, weil sie kein Wissenschaftler mehr hervorzieht, um mit ihnen zu forschen, ist das Ganze nur noch ein Museum. Zudem werden in der Forschungsstelle nicht nur alte Lieder und Sagen aufgesagt oder up Platt gesnackt, sondern auch moderne Forschung betrieben, die neue Erkenntnisse aus jüngster Zeit bringt, weit weg vom angestaubten Image also – bis jetzt.
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