Stadtmitte : „Überraschend ruhig“

In Stadtmitte lebt und arbeitet Tilman Jeremias. Die Kirchen gehören für den Pastor ganz wesentlich zum Viertel, bestimmen aber vor allem auch das Stadtbild, die Skyline. Fotos: nicole Pätzold
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In Stadtmitte lebt und arbeitet Tilman Jeremias. Die Kirchen gehören für den Pastor ganz wesentlich zum Viertel, bestimmen aber vor allem auch das Stadtbild, die Skyline. Fotos: nicole Pätzold

Pastor Tilman Jeremias lebt mit seiner Frau und seinen drei Kindern direkt an der Marienkirche.

svz.de von
20. November 2015, 11:34 Uhr

Über 650 Meter reihen sich Geschäfte, Restaurants, Bäcker, Imbisse aneinander – von Hausnummer 1 bis 99. Die Kröpeliner Straße ist quirliger als irgendein anderer Ort in Rostock. Eltern, Kinder, Jugendgruppen, Rentner, Angestellte in der Pause, Urlauber, Lieferanten, Shoppingfreudige. Hier wirbelt alles durcheinander. Nur ein paar Meter weiter, einmal abgebogen in die Gasse Am Ziegenmarkt, auf die Marienkirche zu, ist es ganz ruhig. Tilman Jeremias sitzt in seinem Büro im Gemeindehaus, sieht Unterlagen durch. „Ich lebe sehr gern in Stadtmitte“, sagt der 49-Jährige.

Er kommt ursprünglich aus der Nähe von München, kam 1993 als Pastor nach Schwaan. 2003 zog es ihn nach Rostock, „weil es eine lebenswerte, schöne Stadt ist.“ Seine Frau hat an der Universität studiert, schätzt die Stadt wie er. Wo sie wohnen, war keine Frage: im Pfarrhaus an der Marienkirche. Jeremias hat drei Kinder, 13-jährige Zwillinge, einen Jungen und ein Mädchen, und einen gerade 18-jährigen Sohn. „Für die Kinder ist es schön.“ Die Anbindung zu ihren Schulen ist durch die Straßenbahnen perfekt. Als sie kleiner waren, waren eher die Spielplätze wichtig. Die seien etwas rar. Aber es gebe gute Alternativen: den Brunnen im Hopfenmarkt, den der Lebensfreude, die Wallanlagen zum Klettern oder Schlittenfahren, den Bolzplatz am Grünen Tor.

„Es ist großstädtisch, aber überschaubar“, beschreibt der Pastor sein Viertel. Er laufe kaum mal länger durch die Stadt, ohne ein bekanntes Gesicht zu sehen. Nur ein paar Schritte entfernt kaufen seine Frau und er ein, wie es Rostocker schon 1900 taten – bei den Händlern auf dem Neuen Markt. Sie legen wert auf Frisches und Bio. Der Neue Markt sei ein Zentrum des Stadtteils – mit dem Rathaus als Sitz der Politik, Ort von Kundgebungen, aber auch Festen, Weihnachts- oder auch Ostermarkt. Von dort aus gebe es etwas wie einen Sog in die lebendige Geschäftsstraße, die Kröpi, und lässt die Östliche Altstadt auf der anderen Seite des Marktes zurück. „Der Alte Markt an der Petri-Kirche war das alte Zentrum der Stadt“, sagt Jeremias. Das habe sich sehr gewandelt. Die kleinen Läden in der Östlichen Altstadt seien eher Geheimtipps, liegen nicht im Passantenstrom. Er selbst ist häufiger auf der Ecke, bei St. Petri und Nikolai. „Sie machen das Stadtbild, die Skyline aus.“

Auch kulturell leisteten sie ihren Beitrag durch zahlreiche Konzerte. Die besondere Rolle der Nikolaikirche als Veranstaltungskirche begrüßt der Pastor. „Es ist gut, dass es so was gibt“ – vor allem, weil sie beheizt sei. Kulturell gebe es natürlich noch viel mehr im Viertel. Jeremias schätzt zudem die Hochschule für Musik und Theater, die dortigen Veranstaltungen, aber auch die Bauweise. „Ich muss nur über die Schwelle gehen, dann bin ich begeistert.“ Die Verbindung eines alten Klosters mit moderner Architektur imponiert ihm.

Das Nachtleben ist für ihn weniger ein Thema. Es spiele sich im Ursprung am Alten Markt oder auch im Studentenkeller in der Schwaanschen Straße ab. Gestört fühlt er sich nicht. „Ohnehin ist es überraschend ruhig, wir sind hier erstaunlich ungestört.“ Das liege auch daran, dass Stadtmitte nicht vom Autoverkehr dominiert wird. Doch Jeremias sieht auch Mankos im Viertel: Die Parksituation sei herausfordernd, einen Platz zu finden oft eine Kunst. „Eigentlich braucht man aber auch kein Auto in Stadtmitte.“ Dienstlich steigt er viel aufs Rad. Schlecht angebunden findet er nur den Stadthafen, der doch eigentlich so ein beliebter Anlaufpunkt sei. Es fehle an Verbindungen über die stark befahrene Straße Am Strande. Gerade für Ältere sei das schade. Weniger erfreulich findet er die bauliche Verdichtung, die den Stadtteil einholt – die Holzhalbinsel habe sie schon erreicht, dem Glatten Aal stehe sie bevor. „Ich bin auch kein Freund der geplanten Bebauung der Nordkante“, fügt er hinzu. Es brauche neben Wohnungen auch Luft zum Atmen.

Das Fazit:

 
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