Südstadt : Ein Viertel zum Altwerden

Seit 1977 leben Walter (83) und Christa (81) Lindow in ihrer heutigen Wohnung. Sie lieben es, zu reisen – zuletzt per Bus nach Norwegen. Fotos: Torben Hinz/nicp
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Seit 1977 leben Walter (83) und Christa (81) Lindow in ihrer heutigen Wohnung. Sie lieben es, zu reisen – zuletzt per Bus nach Norwegen. Fotos: Torben Hinz/nicp

Walter und Christa Lindow legen Wert auf ihre Selbstständigkeit und schätzen deswegen die kurzen Wege im Stadtteil

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14. Januar 2016, 16:00 Uhr

Als ihr Sohn mit seiner Familie nach Ziesendorf gezogen ist, hätten Walter und Christa Lindow ebenfalls in das dortige Neubauernhaus einziehen können. Die beiden sind froh, dass sie es nicht getan haben. Nicht, weil sie ihren Sohn nicht mögen, sondern weil die Rentner in ihrer Wohnung in der Südstadt jetzt von den kurzen Wegen profitieren. „Ich schätze die Nähe zur Innenstadt und dass ich mir meine Selbstständigkeit ohne Auto bewahren kann“, sagt die 81-Jährige.

Zu ihrer Sportgruppe im Heizhaus muss sie nur einmal über die Straße gehen. Dort findet sie zugleich auch ordentlich Nachschub für den Lesedrang der beiden. „Generell muss ich sagen, das Heizhaus hat sich so positiv entwickelt, das hätte ich nicht für möglich gehalten“, so Christa Lindow. Das Begegnungszentrum dient nicht nur einmal im Monat als Frühstückstreff für alleinstehende Frauen, sondern bietet beispielsweise auch Kindern Ferienbetreuung oder Sportgruppen Platz für deren Weihnachtsfeier.

Auch dank dieser Einrichtung wird es den Lindows nie langweilig. „Wir haben viel zu tun“, sagt Christa. Morgens stehen in der Regel Arztbesuche oder Physiotherapie auf dem Programm, bevor Walter das Mittag serviert. „Mein Mann kocht wirklich sehr gut“, so Christa. Nachmittags kommen Freunde vorbei, um 15.30 Uhr gibt es Kaffee und im Anschluss vier bis sechs Runden Rummikub. Abends gehen die beiden häufig aus, beispielsweise in die Villa Papendorf.

„Wenn mir die Decke auf den Kopf fällt, gehe ich zum Südstadtcenter“, sagt Christa. „Das hätten wir in Ziesendorf nicht.“ Schon auf dem Weg durch den Kringelgrabenpark trifft sie dann häufig Bekannte. Wenn es feucht ist, sei der schlammige, unebene Parkweg allerdings schlecht zu begehen. Da könne die Stadt durchaus noch nachbessern. Ein weiteres Manko des Viertels: „Es fehlt ein nettes Café“, so die Rentnerin. Bisher gebe es nur einzelne Bäcker, die ein paar Tische aufgestellt haben. „In der Südstadt fehlt es an allem – und jetzt auch an der Straßenbahn“, sagt ihr Mann Walter. „Dass die Linie 2 nicht mehr fährt, ist eine Katastrophe, vor allem für die ganzen Alten, die zur Deutschen Med müssen.“ Er selbst hat es mit dem Kreuz, trägt es aber mit Humor: „Die Wirbelsäule ist nicht auf 80 Jahre ausgelegt und wer älter wird, ist selbst schuld.“

Der ehemalige Werkstattmeister von Zeiss Jena ist auch privat schon immer ein fleißiger Bastler gewesen. Regale, Schubladen, Schränke – fast alles in der Wohnung des Ehepaars trägt seine Handschrift. Dank der Maßanfertigungen sei es auch nicht so schlimm, dass die Wohnung einen Tick zu klein sei, so Christa. „Unsere Garage neun Türen weiter ist auch eine Werkstatt“, sagt Walter. Davon profitieren die Nachbarn: Allein sieben Balkone in der Umgebung hat er eigenhändig gefliest.

„Von einer Nachbarin hatten wir den Wohnungsschlüssel schon, da war sie noch gar nicht eingezogen“, sagt Walter. Ihre Wohnung übernahmen die beiden 1977 von seinen Eltern. Mittlerweile verändere sich die Altersstruktur des Viertels, sagt Christa: „Die obersten Wohnungen werden jetzt von Jüngeren bezogen.“ Deutliches Indiz für den Wandel: „So laut wie in diesem Jahr war es an Silvester noch nie“, meint Walter. Im restlichen Jahr besteche die Südstadt eher durch ihre Ruhe und das Grün zwischen den Häusern.

„Das macht unseren Stadtteil aus“, sagt Christa. Deswegen lehnen die beiden auch weitere Hochhäuser im Viertel ab. Das hatte eine städtebauliche Analyse empfohlen. „Davon halten wir gar nichts“, so die Rentnerin, die auch eine passionierte Fotografin ist. Möglichst zweimal im Jahr geht es auf Reisen, beispielsweise mit dem Bus nach Norwegen oder per Schiff auf Frankreichs Flüsse. Die Bilder füllen zig Alben. Um Platz zu schaffen, haben wir „an einem Tag 18 000 Dias weggeschmissen“, sagt Walter.

Das Fazit:
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