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Rostocker Tagesklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie : "Sprich ganz gemütlich!"

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Die Rostocker Tagesklinik am Schwanenteich betreut Kindergartenkinder mit psychologischen Störungen. Die Drei- bis Sechsjährigen müssen etwa drei Monate lang intensiv therapeutisch betreut werden.

svz.de von
erstellt am 02.Apr.2012 | 10:26 Uhr

Rostock | An einem großen runden Holztisch sitzen Kinder mit Schürzen und basteln bunte Blumen aus Papier. Diese sollen später die Fenster schmücken. Eine morgendliche Beschäftigung wie in fast jeder Kindertagesstätte. Allerdings helfen auffallend viele Erwachsene den wenigen Vorschulkindern bei ihren Scherenarbeiten. Die Einrichtung in der Rostocker Kuphalstraße ist eine Tagesklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, in der die Drei- bis Sechsjährigen jeweils etwa drei Monate lang intensiv therapeutisch betreut werden. Kindgerecht und ausgerichtet auf ihre individuellen Störungen und Krankheitsbilder.

Der vierjährige Paul rutscht aufgeregt auf seinem Stuhl hin und her. Er möchte etwas fragen, doch die Wörter kommen ihm nicht über die Lippen. "Sprich ganz gemütlich", fordert eine der Frauen den Jungen auf. Und plötzlich gelingt die Frage. "Darf ich die Blätter ankleben?" Die Erzieherin nickt ihm aufmunternd zu und lobt: "Die Blüte sieht schön aus und ist sehr sauber angefertigt." Paul strahlt.

"Mit Lob für gute Leistungen wird in unserem Haus nicht gespart", erklärt Dr. Maike Gwinner, Ärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Sie gehört zu dem multiprofessionellen Team in der Tagesklinik am Rostocker Schwanenteich, in dem Ärzte, Psychologen, Sozialpädagogen, Ergotherapeuten, Logopäden, Krankenschwestern und Erzieher eng zusammenwirken. In der Einrichtung der Rostocker Gesellschaft für Gesundheit und Pädagogik mbH (GGP) werden derzeit zehn Mädchen und Jungen mit auffälligem Sozialverhalten behandelt. "Sie sind zu uns überwiesen worden, weil sich die Eltern und Erwachsenen in ihrem Umfeld oft keinen Rat mehr wussten. Sie haben den Zugang zu den Kindern verloren. Diese flüchteten sich in Aggressionen oder Depressionen, nässten plötzlich wieder ein oder verweigerten gar die Sprache", erklärt die junge Ärztin. Zu den großen Problembereichen der Kinder gehören Entwicklungs- und Verhaltensstörungen, Bindungs- oder Aufmerksamkeitsstörungen, Angst- und Schlafstörungen. "Die Ursachen sind vielfältiger Natur", sagt Gwinner. Manche Kinder seien von ihren Eltern vernachlässigt worden, andere litten unter Leistungsdruck, den Erwachsene auf sie ausübten. Betroffen seien Kinder aus allen sozialen Schichten, unterstreicht Chefarzt Dr. med. Moritz Westhoff. "Es sind die vielen, schnellen Veränderungen in der Gesellschaft, denen Erwachsene nicht gewachsen sind und denen Kinder erst recht nichts entgegenzusetzen haben. Der Stress der Eltern - ob in der Beziehung oder der Arbeitswelt - geht an den Jüngsten nicht vorbei", betont Westhoff. Er beobachtet bei immer jüngeren Patienten schwere Erkrankungsbilder.

Die Zahlen von psychischen Erkrankungen in der Bevölkerung sind in der gesamten westlichen Welt alarmierend. Laut einer großen Studie, die in dem Fachmagazin "European Neuropsychopharmacology" veröffentlicht wurde und auf Daten aus 27 EU-Staaten sowie der Schweiz, Island und Norwegen basiert, leidet jeder dritte EU-Bürger mindestens einmal im Jahr an einer psychischen oder neurologischen Störung. Besonders häufig treten Angsterkrankungen, Depression und Schlaflosigkeit auf. Bei fünf Prozent aller Kinder und Jugendlichen wurden Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörungen diagnostiziert.

Ein Krankheitsbild, das auch in der Rostocker Tagesklinik häufig anzutreffen ist. Ergotherapeutin Julia Simke lässt ihre Trommel rhythmisch klingen und bringt eine kleine Gruppe von Vier- und Fünfjährigen mächtig ins Schwitzen. Wie laufen Hunde und wie bewegen sich Schlangen? Manchen Kindern fällt es schwer, Arme und Beine zu koordinieren. Ihre motorischen Fähigkeiten sind noch unterentwickelt. Aber Spaß am Sport haben sie alle, auch weil ihre kleinen Erfolge Beachtung und Lob finden. Als Anerkennung dürfen sie sich etwas wünschen. Die Rutsche und das Trampolin sind die Favoriten der Kinder. Lohn für die körperliche Anstrengung und das Einhalten von Verhaltensregeln.

Mit Regeln beginnt auch die Therapieeinheit bei Psychologin Christine Lück. Zunächst wird wiederholt, welche Normen zu beachten sind: das ruhige Sitzen auf einem Puzzleteil, das stille Zuhören, wenn die Therapeutin spricht, und das Mitmachen bei den gestellten Aufgaben. Alle vier Vorschulkinder kennen die Verhaltensnormen und wissen, wenn sie diese einhalten, winkt eine Belohnung. Doch das Befolgen der Regeln fällt im Laufe der 20 Minuten den Kindern zunehmend schwer. Annemarie hält kaum etwas auf ihrem Platz und Ronny provoziert durch bewusst falsche Antworten. Erst die mehrfache Erinnerung, dass die Regeln eingehalten werden müssen, bewirkt, dass die Kinder wieder diszipliniert mitmachen.

Ziel der Therapie ist es, Emotionen besser erkennen und beherrschen zu lernen. Fotografien von lachenden, weinenden, überrascht und erschrocken wirkenden Kindergesichtern sollen eingeordnet werden. Das gelingt den meisten recht gut. Die Kinder lernen, auch mit ihrem eigenen Gesicht, Gefühlen Ausdruck zu geben. Zum Abschluss schätzt jedes der Kinder die eigene Leistung ein. Ronny und Annemarie geben reumütig zu, "einmal kurz" gestört zu haben. Weil sie ihr Verhalten korrigiert hatten, erhalten auch sie eine Süßigkeit als Belohnung. "Wir wollen Positives bestärken und die Kinder aufbauen. Die kleinen Patienten brauchen feste Größen und Verhaltensnormen, an denen sie sich ausrichten können. Das schaffen wir mit liebevoller Konsequenz", erklärt Lück. Die Psychologin ist überzeugt davon, dass die Kinder den Aufenthalt in der Einrichtung "als Inselerfahrung" abspeicherten und auch in ihrer gewohnten Umgebung künftig davon profitierten.

Damit der Therapieerfolg möglichst groß ist, legt das Team der Tagesklinik großen Wert auf die Zusammenarbeit mit den Eltern, den heimischen Ärzten und Erziehern. "Je mehr alle motiviert sind, mit uns gemeinsam an einem Strang zu ziehen, desto langfristiger ist der Behandlungserfolg", sagt Dr. Maike Gwinner. Gern seien Eltern und Betreuer zu Hospitationen eingeladen. "Das Verhalten in Konfliktsituationen kann erlernt und trainiert werden. Alle Mitarbeiter unserer Einrichtung stehen mit ihrem Wissen zur Verfügung und geben praktische Erziehungstipps. Unsere Sozialpädagogin hilft außerdem bei sehr speziellen Sorgen. Das können Probleme mit dem Jugendamt oder auch dem Arbeitgeber sein", betont Gwinner. Alle Kinder brauchen eine faire Chance.

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