Sportlehrer können Latte tiefer legen

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15. Mai 2012, 07:40 Uhr

Schwerin | Mecklenburg-Vorpommerns Schul-Sportlehrer dürfen demnächst die Latte tiefer legen. Die Maßstäbe für die Zensuren im Schulsport werden zum Schuljahr 2013/14 neu justiert. Für eine Eins, Zwei oder Drei müssen die Schüler dann voraussichtlich nicht mehr so weit werfen, so schnell laufen und so hoch springen wie bisher. Außerdem sollen die Lehrer neue Übungen bei den Zensuren berücksichtigen.

Offenbar sind die Kinder nicht mehr so fit wie vor 18 Jahren. 1994 hatte Mecklenburg-Vorpommern die DDR-Maßstäbe außer Kraft gesetzt und seinen Sportlehrern die Zensur-Empfehlungen Sachsens ans Herz gelegt. Diese sollen durch aktuelle Kriterien ersetzt werden, die den hiesigen Kindern gerecht werden.

Sport- und Sportmediziner der Universität Rostock haben dafür bei rund 10000 Schülern von 45 Schulen Arme, Beine und den Rumpf vermessen und die Kinder und Jugendlichen auf Ausdauer, Koordination und Schnellkraft getestet. Die gewonnenen Daten werden derzeit noch ausgewertet, aber "der Trend geht durch die geänderten gesellschaftlichen Verhältnisse im Vergleich zu früher nach unten", sagt der Schulsportreferent im Schweriner Bildungsministerium Lutz Gau. "Die Kinder bewegen sich nicht mehr so viel wie früher." Die Entwicklung verlaufe allerdings in der gesamten Bundesrepublik ähnlich. Der Rostocker Sportwissenschaftler Hartmut Preuß wird deutlicher: "Die grundsätzliche Sportlichkeit ist manchmal besorgniserregend." In einigen Disziplinen sei das Leistungspotenzial um bis zu 20 Prozent abgefallen.

Wie viele Zentimeter weniger künftig zur Eins im Weitsprung oder zur Drei im Hochsprung reichen, kann Gau noch nicht sagen. Die Tücke steckt in zahllosen Details, die in die neuen Tabellen eingearbeitet werden müssen. So kann beim 60-Meter-Lauf zwischen jeweils zwei Zensuren nicht dieselbe Anzahl von Zehntelsekunden liegen. Gau: "Denn es ist viel schwieriger, sich von 8,5 auf 8,3 Sekunden zu verbessern als von 15 auf 13 Sekunden."

Neben den Grundsportarten (Leichtathletik, Geräteturnen und Schwimmen) und den Grundfertigkeiten (wie Liegestütz, Klimmzüge, Stangenklettern) sollen die Sportlehrer künftig auch "koordinative Fähigkeiten" der Schüler fördern und bewerten: reagieren, orientieren, Gleichgewicht halten und Rhythmus entwickeln. Zum Beispiel müssen die Schüler sich ein fünf Meter entferntes Kreuz auf dem Boden merken und es dann mit verbundenen Augen und mit Schluss-Sprüngen erreichen.

Die körperlichen Unterschiede zwischen den Kindern eines Jahrgangs werden bei den Bewertungstabellen weiterhin nicht berücksichtigt. "Wir müssten für jede Größe und jedes Körpergewicht eigene Tabellen entwickeln", so Gau. Das sei nicht zu leisten. Zudem können Lehrer auch gute Noten verteilen, wenn sich ein Kind im Rahmen seiner Möglichkeiten stark verbessert oder sich besonders anstrengt. Kein Lehrer müsse sich strikt an die Bewertungstabellen halten. "Sie sind eine Orientierungshilfe und kein Dogma." Schließlich seien selbst die Wettkampfbedingungen von Schule zu Schule verschieden. An der einen trainieren die Schüler auf einer Tartanbahn, an der anderen auf dem Rasen.

Gau bestreitet jedoch, dass die neuen Zensur-Maßstäbe für bessere Zensuren und damit für eine bessere Motivation der Schüler sorgen sollen. "Wenn die Sportlehrer die Schüler nicht motivieren können, dann nützen die besten Tabellen nichts." Auch Sportwissenschaftler Preuß betont, dass die Sportlehrer einen großen Spielraum haben, wenn sie Zensuren verteilen. Allerdings würden die neuen Tabellen auf Bitten vieler Lehrer neu erarbeitet. Preuß: "Die Lehrer wären ohne die Orientierung an den Tabellen verloren."

Wolfram Otto hält auch von den neuen Tabellen eher wenig. "Sie gehen nicht auf die einzelnen Kinder ein - und das ist das Problem", sagt der Greifswalder Sportlehrer, der auch Übungsleiter ausbildet. Kurze Sprints von Schülern zu bewerten, findet er ein Ding der Unmöglichkeit, da Schulunterricht daran kaum etwas verbessern kann. "Genauso könnte ich zensieren, wenn jemand braune Haare hat."

Zu viele Sportlehrer, so Otto, orientierten sich aber immer noch strikt an die Bewertungstabellen. "Diese Haltung kriegt man nicht so schnell geändert." Er empfiehlt seinen Kollegen, Kindern im Sportunterricht Alternativen zu bieten. Wer nicht noch springen kann, könnte zum Beispiel die Hochsprung-Technik üben und sich darin verbessern. "Denn wenn die Lust an der Bewegung hört auf, wenn Frust da ist." Schulsport als reine Spaßveranstaltung lehnt auch Otto ab. "Aber er soll dem Einzelnen gerecht werden."

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