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23. Oktober 2017 | 17:00 Uhr

Spezialisten retten vor Computersucht

vom

svz.de von
erstellt am 14.Dez.2011 | 09:44 Uhr

Lübstorf | Die Computertechnik und das Internet haben das Leben in Deutschland deutlich verändert. Während die meisten Menschen den PC und das Internet außerhalb der Berufstätigkeit zur Informationsgewinnung, Kommunikation oder Unterhaltung nutzen, entwickeln andere einen PC-Gebrauch mit negativen Konsequenzen für die eigene Gesundheit. Das kann soweit gehen, dass der PC-Gebrauch und die gestaltete virtuelle Realität im Internet das Alltagsleben immer mehr beeinflussen und letztlich bestimmen.

Dr. Thomas Fischer, Chefarzt der Lübstorfer Klinik, meint, dass diese Patienten eine virtuelle Realität aufbauen, in der sie anerkannt sind und sich wohl fühlen. "Das Problem ist aber, dass die virtuelle Realität für das Leben nicht ausreicht. Bedürfnisse nach Nähe, Geborgenheit oder Zärtlichkeit kann das Internet nicht erfüllen. Der Mensch braucht auch reale Kontakte", sagt der Mediziner. "Außerdem können sich aus der Internetsucht Folgeerkrankungen ergeben. Dazu gehört beispielsweise Fettsucht wegen des Bewegungsmangels. Aber auch depressive Störungen können auftreten. Soziale Probleme ergeben sich, weil Behördenpost oft nicht mehr geöffnet wird, die Miete nicht bezahlt wird, der Müll sich ansammelt..."

Für die Mediziner ist in diesen Fällen eine Hilfe nicht einfach. Da nach den Diagnosesystemen der pathologische PC-/Internet-Gebrauch noch keine anerkannte Krankheit ist, ist die Kostenübernahme für die Behandlung oft schwierig. In Deutschland übernimmt aber die Rentenversicherung solche Kosten. Die größte derartige Versicherung, die Deutsche Rentenversicherung Bund, hat zwei Reha kliniken ausgesucht, in die sie ihre Patienten schickt, eine im Saarland und die zweite in Lübstorf. Beide Kliniken beschreiten Neuland, erarbeiten seit einigen Jahren gemeinsam Diagnosekriterien und Wege zur Behandlung. "Wir haben festgestellt, dass der typische Internetsüch tige ein junger Mann ist, der eine gute Schulausbildung genossen hat, oft ein Abitur besitzt, aber seine Berufsausbildung nicht abgeschlossen hat. Es sind introvertierte sozial zurückgezogene Menschen, die in der virtuellen Welt ihre Bestimmung suchen", meint der Arzt.

Seit in Lübstorf im Jahr 2003 die ersten Patienten behandelt wurden, gibt es eine langsame Zunahme der Fälle. "In den letzten beiden Jahren waren es jeweils über 40 Patienten, die wir behandelt haben", sagt Dr. Fischer. "Die Erfolgsquote liegt wie bei den stoffgebundenen Süchten - etwa bei Alkohol oder Rauschgift - zwischen 50 und 70 Prozent. Eine Besonderheit bei der Internetsucht ist allerdings, dass wir nicht die vollständige Abstinenz erreichen wollen, sondern eine vernünftige Computernutzung", meint der Fachmann. "Wir wollen erreichen, dass der Computer sinnvoll genutzt wird und erarbeiten individuelle Strategien, wie man es schaffen kann, Seiten nicht anzuklicken, die für den Patienten gefährlich sein können."

Dr. Fischer macht auch darauf aufmerksam, dass gemeinsam mit dem Patienten Ursachen seiner Sucht, seine Defizite, in den Blickpunkt gerückt werden. Es gehe da rum, soziale Kompetenzen zu verbessern, mit dem Gefühlsleben besser umgehen zu lernen, einem Rückfall in altes Problemverhalten vorzubeugen und zu sichern, dass der Patient langfristig fähig ist, am Erwerbsleben teilzuhaben.

Das Behandlungsprogramm umfasst Einzelpsychotherapien und vor allem Gruppenpsychotherapien. Neben der Gruppentherapie zur PC-Problematik werden auch weitere Gruppentherapien zu anderen Problembereichen angeboten. Das können Sport- und Bewegungstherapie, Ergotherapie, So zio therapie oder Entspannungstraining sein. Auch Paar- oder Familiengespräche sowie Maßnahmen zur beruflichen Integration sind möglich.

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