Film : So war Lichtenhagen

Auf dem Weg: Die Clique will in Lichtenhagen ordentlich mitmischen.
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Auf dem Weg: Die Clique will in Lichtenhagen ordentlich mitmischen.

„Wir sind jung. Wir sind stark.“ kommt im Januar ins Kino und beleuchtet die Hintergründe der Krawalle von 1992

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25. November 2014, 12:00 Uhr

„In mir hat sich eine Wut breitgemacht. Am Anfang war da noch Trauer, weil sich die Welt jetzt andersrum dreht. Die Trauer vergeht, aber die Wut bleibt. Ich will diese Wut nicht mehr spüren.“ Es ist der 24. August 1992, als Philipp sich das Leben nimmt. Er stürzt sich vom Balkon eines Hochhauses in die Tiefe – in Rostock-Lichtenhagen.

Am 22. Januar 2015 kommt erstmals ein Spielfilm in die Kinos, der die Angriffe auf das Lichtenhäger Sonnenblumenhaus auf schockierende und zugleich verstörende Weise thematisiert. „Wir sind jung. Wir sind stark.“ setzt sich differenziert mit den Geschehnissen des 24. Augusts 1992 auseinander und betrachtet die Ausschreitungen aus drei verschiedenen Blickwinkeln. Im Mittelpunkt steht dabei die Geschichte einer Gruppe arbeitsloser junger Erwachsener, die auf der Suche nach ihrer eigenen Identität Zuflucht in einer gefährlichen Ideologie finden. Eine Gruppe, die sich radikalisiert, weil sie vom Leben enttäuscht ist.

Am 24. August 1992 dauern die Krawalle vor der Zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber (ZAST) in Lichtenhagen bereits zwei Tage an. Es ist 8.30 Uhr. Stefan alias Bolle (Jonas Nay) und seine Freunde haben die Nacht durchgemacht. Auch heute soll es wieder Randale geben. Die Gruppe will dabei sein. Doch Bolle muss sich vorher ausruhen. Er geht nach Hause, trifft dort seinen Vater, gespielt von Devid Striesow, der sich in seiner Rolle als Stadtpolitiker verschanzt. Martin ist überfordert, er muss gleich in eine Pressekonferenz. Was er dort sagen soll, weiß er nicht. Bolles Kumpel Robbie (Joel Basman) kommt vorbei. Er berichtet von Philipps Selbstmord. 11 Uhr: Vor der ZAST kampieren Sinti und Roma. Auch die Vietnamesen, die in dem Sonnenblumenhaus untergebracht sind, bekommen die Aggressionen der Randalierer zu spüren. Bei Lien Trang Le Hong, die in Rostock ein neues Zuhause gefunden hat, macht sich allmählich die Angst breit. 15.45 Uhr: Die Sinti und Roma werden abtransportiert. Die Krawallmacher kommen trotzdem. Die Gruppe fährt zum Strand – noch einmal Kraft tanken, bevor die Party wieder steigt. Es ist 18 Uhr. Die Clique macht sich auf nach Lichtenhagen. 19.30 Uhr: Die Polizei macht sich für mögliche Ausschreitungen bereit. Auch die Presse ist vor Ort. Überall stehen Kamerateams und Fotografen. Die Jugendlichen geben ein Interview. Der Journalist fragt: „Habt ihr einen Traum?“ Die Antwort: „Dass sich hier etwas ändert.“ Wenig später fliegen die ersten Steine. Robbie treibt seinen Kumpel an: „Scheiß auf früher, Bolle. Wir machen einfach alles kaputt.“ 20.30 Uhr: Aus Protest ist längst Terror geworden. Fremdenfeindliche Parolen werden gegrölt, Brandsätze zerschlagen die Fenster des Sonnenblumenhauses. Die Polizei hat sich zurückgezogen. Die Feuerwehr kommt nicht durch den wütenden Mob. Alles ist außer Kontrolle geraten. Lien und ihre vietnamesischen Freunde fliehen aufs Dach. Dass keiner gestorben ist, gleicht einem Wunder.

„Wir sind jung. Wir sind stark.“ schafft ein authentisches Abbild des Tages, an dem Ausländerfeindlichkeit eine neue Dimension bekam. An dem sich Fremdenhass entlud und Neo-Nazis eine Plattform bekamen. 1992 hat sich eine Frustration Luft gemacht, die bürgerkriegsähnlichen Zuständen gleich kam. Eine Frustration, die auch in der heutigen Zeit einen Nährboden findet. Der Film schreit mit seinen drastischen Szenen nach Aufmerksamkeit. Er setzt ein wuchtiges Statement gegen das Vergessen.

Hintergrund



„Wir sind jung. Wir sind stark.“ wurde größtenteils in Halle gedreht. Fünf Jahre hat sich Regisseur Burhan Qurbani mit den Ereignissen von Rostock-Lichtenhagen befasst, bevor er die Dreharbeiten startete. Die Sequenzen sind schwarz-weiß – bis zu dem Zeitpunkt, als die Randale ihren Höhepunkt finden. Der Film ist für Zuschauer ab zwölf Jahren geeignet und wird voraussichtlich im Lichtspieltheater Wundervoll zu sehen sein.

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