Gerichtsreport : Skandal-Chirurg will neuen Anwalt

Der angeklagte Rostocker Neurochirurg im Landgericht Rostock
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Der angeklagte Rostocker Neurochirurg im Landgericht Rostock

Im Prozess gegen Skandal-Chirurg Dr. Thomas M. (51) kam am Donnerstag alles ganz anders als erwartet.

svz.de von
25. Juli 2014, 00:00 Uhr

Im Prozess gegen Skandal-Chirurg Dr. Thomas M. (51) kam gestern alles ganz anders als erwartet: Angekündigt war eine Erklärung des angeklagten Neurochirurgen, der wegen schweren Betrugs durch falsche Abrechnungen von Behandlungen in einer Höhe von 1,5 Millionen Euro verantworten muss. Das Gericht erwartete ein Geständnis als Gegenleistung für eine Haftstrafe von maximal viereinhalb Jahren. Doch nachdem der Bruder des Angeklagten, der Arzthelfer Harald M.(41), auf sein Aussageverweigerungsrecht bestand, entzog der Angeklagte seinem Pflichtverteidiger das Vertrauen. Er bat das Gericht, den Rechtsbeistand von seinen Aufgaben als Verteidiger zu entbinden. Sein Pflichtverteidiger würde festgelegte Termine nicht wahrnehmen, Absprachen nicht einhalten, auf Zeugenaussagen nicht reagieren und ihm so großen Schaden zufügen. Speziell ging es um Akten, die bei ihm zu Hause liegen, die er aber brauche, um sich verteidigen zu können. Der Pflichtverteidiger hätte zugesagt, die Akten zu besorgen, es aber nicht getan. „Ich will endlich zum Abschluss kommen mit dem Prozess“, sagte der Angeklagte. „Ich wollte mich nie der Verhandlung durch Flucht entziehen. Deshalb wollte ich auch das richterliche Angebot annehmen“, sagte er weiter. Außerdem habe es der Rechtsanwalt übernommen, die angekündigte Einlassung vorzubereiten, es aber nur in Fragmenten geschafft. „Ich sehe das Vertrauen zu meinem Mandanten ebenfalls nachhaltig gestört“, sagte der Anwalt. Er würde dem Antrag seines Mandanten deshalb nicht entgegentreten.

Der Angeklagte teilte dem Gericht mit, dass er schon einen Rostocker Rechtsanwalt mit seiner Vertretung beauftragt habe. Der Vorsitzende Richter gab Dr. Thomas M. bis heute 12 Uhr Zeit, die ganze Sache noch einmal zu durchdenken. Erst danach wird das Gericht eine Entscheidung fällen. Nach Prüfung der vorgelegten Erklärung durch den Potsdamer Wahlverteidiger des Angeklagten, der eine Abweichung von den Fakten der Anklageschrift erkannte, nahm der Neurochirurg Abstand von der Verlesung. Er bat, die überarbeitete Erklärung am nächsten Verhandlungstermin verlesen zu dürfen.

Die Taten, die dem Angeklagten zur Last gelegt werden, erstrecken sich über sieben Jahre und mehr als 5000 einzelne Behandlungsfälle. Bei der Kassenärztlichen Vereinigung soll er in den Jahren 2007 bis 2009 Rechnungen zum Beispiel für Bandscheiben-OPs vorgelegt und sachlich richtig abgezeichnet haben, die erheblich überhöht waren. So hätte der Angeklagte unter anderem Abrechnungen in Höhe von 453 000 Euro und 411 000 Euro vorgelegt und auch ausbezahlt bekommen, die aber jeweils um rund 180 000 Euro überhöht waren.

Nach der Trennung von der Kassenärztlichen Vereinigung behandelte er Privatpatienten, denen er ebenfalls überhöhte Rechnungen stellte. Für das Praktizieren in der Schweiz benötigte er eine Unbedenklichkeitsbescheinigung, die er gefälscht haben soll. Tatsächlich gründete er das Schmerzzentrum Horgen am Züricher See, das er selber leitete. Am 30. Juli wird der Prozess fortgesetzt. Dann werden Vertreter der Kassenärztlichen Vereinigung gehört.

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