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Norddeutsche Neueste Nachrichten

23. August 2017 | 02:48 Uhr

Justiz : Sie leistet Beistand vor Gericht

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Andrea Wehmer ist Rostocks neue psychosoziale Prozessbegleiterin

Wenn Kinder und Jugendliche Opfer von körperlicher oder seelischer Gewalt werden, dann leiden sie und ihre Familien. Ein Gerichtsprozess, der das Unrecht aufklären und sühnen soll, setzt sie darüber hinaus einer ungeheuren Belastung aus. Was passiert im Prozess? Wer ist wer im Gerichtssaal? Was bedeutet das Urteil? „Unwissenheit macht oft Angst“, sagt Andrea Wehmer. Und Kinder verstehen nicht immer oder nur in Ansätzen, was im Gericht passiert. Ihr Bild ist oft von falschen Vorstellungen geprägt.

Damit sie in dieser Situation nicht völlig hilflos dastehen, gibt es jetzt auch in Rostock die psychosoziale Prozessbegleitung. Andrea Wehmer unterstützt Kinder, Jugendliche und Heranwachsende sowie deren Familien bei der schwierigen Zeit von der Anzeigenerstattung bei der Polizei bis nach dem Urteilsspruch und bei der möglicherweise im Anschluss noch nötigen Suche nach der richtigen Therapie.

Seit Februar ist Andrea Wehmer als Prozessbegleiterin tätig. Das landesweite Projekt ist nach der Pilotphase, die in Schwerin und Neubrandenburg lief, nun auch auf Rostock, Stralsund und Wismar ausgeweitet worden. Dafür stehen 2014 und 2015 je 175 000 Euro im Landeshaushalt zur Verfügung, wie Monika-Maria Kunisch, Regierungsdirektorin im Justizministerium MV, sagt: „Wenn wir wissen, wie hoch der Bedarf ist, kann die Fördersumme gegebenenfalls aufgestockt werden.“

Andrea Wehmer war viele Jahre Schulsozialarbeiterin in Evershagen und Vorsitzende des Deutschen Kinderschutzbundes Rostock. Doch jetzt will sie sich ganz auf die Prozessbegleitung konzentrieren, ihren Vorsitz hat sie niedergelegt. In einer neunmonatigen Weiterbildung hat die 40-Jährige die nötige Qualifikation erworben. Gerade begleitet sie ihren ersten Schützling durch seinen Prozess. Dabei erklärt sie ausschließlich, wie die Abläufe bei Gericht sind, vermittelt bei Problemen mit der Schule oder Angehörigen und berät zu zusätzlichen Betreuungen. „Ich rede mit den Kindern und Jugendlichen nicht über die zur Verhandlung stehende Straftat“, betont Andrea Wehmer. Das gehöre nicht zu ihrer Aufgabe und das dürfe sie auch nicht: „Sonst käme ich vor Gericht als Zeugin in Betracht.“

Das Angebot ist für die Rat suchenden Kinder und Jugendlichen bis zum vollendeten 21. Lebensjahr kostenfrei. Polizei, Anwälte und Richter sind aufgerufen, im Bedarfsfall einen Kontakt herzustellen. „Die Kinder und Jugendlichen macht es stark“, sagt Monika-Maria Kunisch. Aber auch die Justiz profitiere von dem Projekt. „Das Gericht wird entlastet, weil es stabile Zeugen vorfindet und Aussagen so besser verwertbar sind“, erklärt die Ministeriumsmitarbeiterin.

Wenn die Kinder es wünschen, sitzt Andrea Wehmer bei der Verhandlung und ihrer Aussage sogar neben ihnen. Falls ihre Schützlinge in Folge der Misshandlung und der Verhandlung in der Schule einknicken, redet Andrea Wehmer mit den Lehrern, erwirkt Maßnahmen wie beispielsweise ein Aussetzen der Benotung. „Solche Dinge sind heutzutage ja möglich“, sagt sie. Aber auch die Betreuung der Eltern ist für die Prozessbegleiterin ein wichtiger Aspekt. Denn: „Gestärkte Eltern können auch ihre Kinder stärken.“ – Damit für die Opfer die Gerichtsverhandlung nicht zu einer Strafe wird.

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erstellt am 20.Apr.2014 | 10:00 Uhr

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