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Norddeutsche Neueste Nachrichten

22. August 2017 | 18:47 Uhr

Bombennacht : Sie hatte einen Schutzengel

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Heute vor 70 Jahren wurde die Christuskirche bombardiert, im Sakristeikeller starben sieben Menschen – Elisabeth Lellbach hatte Glück

Es war der Tag nach ihrer Erstkommunion. Und es war Krieg. Am 11. April 1944 kamen alle Kinder noch einmal in der Christuskirche zusammen, um einem Dankgottesdienst beizuwohnen. Auch Elisabeth Lellbach und ihre Freundin waren unter den Kommunionskindern, die der Messfeier lauschten. Was sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht wussten: Nur wenige Stunden später sollte die Christuskirche bei einem Bombenangriff der Alliierten schwer beschädigt werden. Der Sakristeikeller, in dem die Menschen Schutz gesucht hatten, war getroffen. Sieben Menschen starben. Auch Elisabeth Lellbach und ihre Freundin wären unter diesen gewesen – doch sie hatten einen Schutzengel. Ihr Eigensinn rettete die beiden Mädchen.

Noch heute erinnert sich Elisabeth Lellbach genau an den Tag vor 70 Jahren. Das weiße Kleid und den Kranz hatte die Großmutter aus Trier geschickt, den Schleier lieh sie sich bei der Gemeinde. Die hölzernen Schuhe, andere gab es nicht, wurden weiß gestrichen, damit sie zum festlichen Anlass passten. „Ich war überglücklich“, erinnert sich Elisabeth Lellbach. Mit dem Bus fuhren sie, ihre Freundin und deren Mutter von Dierkow in die Stadt.

Während der Pfarrer den Gottesdienst abhielt, kam die Nachricht, dass Tiefflieger über Rostock angekündigt seien. Schnell wurde die Messe beendet, der Pfarrer gab den Kindern seinen Segen. Schwester Agnesia sagte Elisabeth Lellbach und ihrer Freundin, sie sollten sich in den Sakristeikeller begeben, um dort das Ende der Angriffe abzuwarten. Doch die Kinder sträubten sich, wollten unbedingt nach Hause.

Nach einigem Hin und Her konnten die Mädchen die Schwester dann doch überreden, sie in den Bus in Richtung Dierkow zu setzen. Dann heulten plötzlich die Sirenen – Voralarm. „Alle mussten aus dem Bus steigen. Er war sehr voll“, erzählt Elisabeth Lellbach. Plötzlich entdeckten die Mädchen auch die Mutter der Freundin wieder. Zusammen machten sie sich nun zu Fuß auf den Weg nach Hause, die drohenden Fliegerangriffe immer im Nacken.

„Unterwegs rief uns jemand zu: ,Wenn die Flugzeuge kommen, dann legt Euch lang auf die Erde’“, erinnert sich Elisabeth Lellbach. „Ich hatte auch noch einen weißen Mantel an, der überall auffiel.“ Als die drei Dierkow erreichten, ertönte erneut der Voralarm. Elisabeth Lellbach bekam Angst, sie könnten es nicht rechtzeitig bis nach Hause schaffen. Sie bat ihre Begleiter, den Rest des Weges zu laufen. Und das taten sie dann auch. „Es lag eine unheimliche Stille in der Luft, niemand war zu sehen und ich wünschte mir, fliegen zu können.“ Als sie die ersten Tiefflieger schon kommen sah, lief Elisabeth Lellbach ihrer Mutter in die Arme, die sie zu den Geschwistern in den Keller trug.

„Was wir alle nicht wussten – dass in diesem Augenblick unsere Kirche getroffen wurde“, sagt Elisabeth Lellbach. Sieben Menschen, die im Sakristeikeller Schutz gesucht hatten, waren dabei umgekommen.

Die Erinnerungen an diesen Tag hat Elisabeth Lellbach aufgeschrieben, die Geschichte in der Gemeinde immer wieder erzählt. Und noch etwas sorgt dafür, dass sie nie vergisst, dass sie einen Schutzengel hatte: ein kleines Kreuz. Eine Künstlerin hat es aus einem Stück des heruntergefallenen Kreuzes der Kirche angefertigt. Sie legte es in eine kleine Schachtel mit der lateinischen Inschrift „Vita mutatur non tollitur“ – „Das Leben nicht geraubt, nur neu gestaltet“. Das gab sie der Seelsorgerin Franziska Blattner, der Patentante von Elisabeth Lellbach. „An ihrem 90. Geburtstag gab sie es mir mit den Worten: ,Nur für Dich hat es einen Wert. Halte es in Ehren.’“ Und das hat Elisabeth Lellbach getan und wird es ihr Leben lang.
 

 

1971 gesprengt

Am 24. Oktober 1909 wurde die Christuskirche am Schröderplatz geweiht. Der Bau entstand nach Plänen von Gotthilf Ludwig Möckel. Die Kirche wurde durch Bombentreffer am 11. April 1944 schwer beschädigt. Bis 1947/48 wurde sie wieder aufgebaut, am 12. August 1971 jedoch zugunsten von Umbauplänen für die Innenstadt gesprengt. Seit 2009 verweist ein Mahnmal auf den alten Standort.

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erstellt am 11.Apr.2014 | 11:00 Uhr

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