Seeleute verabschieden die "Büchner"

<strong>Letzte Arbeiten: </strong>Schweißer verschließen die Bullaugen an der Wasserlinie und  sichern das  Schiff so für seine letzte Fahrt gegen Wellenschlag. <fotos>Georg Scharnweber</fotos>
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Letzte Arbeiten: Schweißer verschließen die Bullaugen an der Wasserlinie und sichern das Schiff so für seine letzte Fahrt gegen Wellenschlag. Georg Scharnweber

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11. Januar 2013, 06:23 Uhr

Rostock | 1967 war Reinhard Lachs einer der ersten Männer der Deutschen Seereederei (DSR), die einen Fuß auf die "Georg Büchner" setzten. Damals lag sie noch als "Charlesville" in Antwerpen, unter belgischer Flagge. "Wir sind zu viert dort hingefahren, um das Schiff zu kaufen", sagt der heute 73-Jährige. Und jetzt wolle er auch einer der Letzten sein, die es in seinem späteren Heimathafen, in Rostock, sehen, bevor es nach Klaipeda zum Verschrotten geht.

Um Abschied von der "Büchner" zu nehmen, ist der Elektro-Ingenieur gestern Morgen in den Stadthafen gekommen. Reinhard Lachs war nicht allein: Dutzende anderer ehemaliger Lehrlinge, Matrosen und Elektriker versammelten sich bei eisigem Wind im Stadthafen, um dem Schiff Lebewohl zu sagen, Erinnerungen und Anekdoten auszutauschen. "Das waren meine schönsten Berufsjahre", sagt Guido Müllener, der in den 1970er-Jahren mit der "Büchner" auf der Kuba-Route unterwegs war. In seine Wehmut mischt sich Pragmatismus: "So ist das. Ein Schiff muss fahren. Sonst rentiert es sich nicht." Der 77-Jährige freut sich, dass die "Büchner" dennoch so viele Jahre in Rostock lag, bevor der Förderverein Traditionsschiff Rostock den rostenden Riesen aufgeben musste - weil die Kosten für die nötigen Sanierungsarbeiten zu hoch geworden waren.

Dass das Schiff etwas Besonderes in der DSR-Flotte war, davon sind alle überzeugt, die gestern Morgen in den Stadthafen gekommen waren: Einige erzählen von der exotischen Atmosphäre auf den Fahrten nach Kuba oder Mexiko, von selbst gesammelten Muscheln und lateinamerikanischer Musik. Andere erinnern sich daran, dass es an Bord vor Lehrlingen nur so wimmelte, denn als Lehrschiff diente die "Büchner" Generationen von jungen Seeleuten als Ausbildungsort. Und manche schwärmen von den technischen Vorzügen des ehemaligen Kolonialschiffes, der seltenen Gegenkolbenmaschine zum Beispiel. Auf 17 Knoten habe sie es damals gebracht, erzählt Reinhard Lorenz. "Das war schnell. Und dabei hat das Schiff kaum geschaukelt. Immer stabil in See gelegen", sagt der 66-Jährige, der 1973/74 als 1. Elektriker auf der "Büchner" fuhr. "Seitdem war ich nicht mehr auf dem Schiff", sagt er.

Gerhard Franz hat ein Fotoalbum mitgebracht. Darin zu sehen: die "Büchner" 1972 im Hafen von Havanna, die Decksbrigade bei einer Pause in der Sonne, Kapitän Herbert Schickedanz, Weihnachten an Bord. "Bei aller Wehmut ist es auch schön, sich zusammen an die Zeit auf See zu erinnern", sagt der ehemalige Decksmann und Vollmatrose.

Während die Seeleute sich noch austauschten, war ein siebenköpfiges Team der Baltic-Taucher gestern damit beschäftigt, das Schiff fertig für die letzte Reise zu machen. Sie kontrollierten die Nieten und prüften die Dicke der Schiffshaut mit Ultraschallgeräten. Nachträglich eingebaute Bullaugen verschweißten sie zum Schutz gegen Wellenschlag. "Anfang nächster Woche sind wir hoffentlich mit allem fertig", sagt Projektleiter Stefan Pentschew. Dann ist die "Büchner" bereit für den Schlepper, der sie zur Schrottwerft bringt. "Is’ schon in Ordnung, dass man der alten Dame jetzt noch mal das letzte Geleit gegeben hat", sagt Heinz Barten. Auch er ist einer der vielen Lehrlinge, deren Seefahrerleben auf der "Büchner" begann.

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