Seewirtschaft : Schleusung durch ein Nadelöhr

Ausmaße dieser Sektion erfordern präzise Vorbereitungen.
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Ausmaße dieser Sektion erfordern präzise Vorbereitungen.

Rostocker Verkehrsexperten informieren sich über Ausbau des Nord-Ostsee-Kanals / Neptun-Schwimmsektion stößt an Grenzen

svz.de von
30. September 2015, 08:00 Uhr

Ein Schleppverband geht dieser Tage von der Rostocker Neptun-Werft auf Reisen. Zwei Kotug-Schlepper bringen eine Schwimmsektion zum Bau des künftigen Star Cruisers „Genting World“ in die Meyer Werft. Der mächtige Schiffskörper, bereits mit dem Maschinenbereich vorgerüstet, ist mehr als 100 Meter lang, 39,7 Meter breit und somit ein wichtiger Bauteil für den entstehenden 150 000 Bruttoraumzahl (BRZ) großen, 335 Meter langen und über die Spanten 39,7 Meter breiten Kreuzfahrtriesen. Er ist für die Reederei Star Cruises, den führenden Kreuzfahrtanbieter in Asien, bestimmt und wird für 3360 Passagiere in 1680 Kabinen ausgelegt. Die Übergabe ist im Herbst 2016 vorgesehen.

Auf der Warnow fiel das Bauteil auf, da es mit seinen Ausmaßen augenscheinlich nahezu die Schiffbauhalle der Werft ausfüllte und weit hinaus bis zum Wasser hinausragte. Inzwischen wurde die 5000 Tonnen schwere Sektion in die Absenkanlage gehievt, am Montag dann ausgedockt, um voraussichtlich morgen früh im Schlepp der Kraftpakete „RT Pioneer“ und „RT Spirit“ (sie haben einen Pfahlzug von 78 Tonnen) Kurs Nord-Ostsee-Kanal zu nehmen.

Ulrich Bösl, Leiter Schiffsverkehr beim Wasser- und Schifffahrtsamt Kiel, erwartet die Schwimmsektion am Freitag an der Schleuse Kiel-Holtenau. Der Schleppzug hat hier ein Nadelöhr im Nord-Ostsee-Kanal zu passieren. Die Nutzungsbreite der großen Schleuse beträgt nämlich gerade mal 42 Meter. Am Simulator wurde mit den Logistikern der Meyer Werft aber alles gründlich ausgelotet und die Passage für diesen und weitere, sogar noch einige Zentimeter breitere Schiffskörper, als machbar erachtet. Dass sie ohne Kratzer durchkommen, darauf haben sich auch die Mitarbeiter der Schleuse vorbereitet. Für die Sisyphusaufgabe aber wird während der Passage der übrige Schiffsverkehr ein wenig warten müssen. Zumal die anspruchsvolle Schleusung bei laufender Sanierung einzutakten sei, sehe er das schon als eine Herausforderung an, betont Ulrich Bösl.

Von einer Aussichtsplattform an der Schleuse in Kiel-Holtenau verfolgten vorige Woche Rostocker Verkehrswissenschaftler das Geschehen am Anlagenkomplex. Sie sind Teilnehmer einer Exkursion der Deutschen Verkehrswissenschaftlichen Gesellschaft (DVWG) aus MV, die sich mit der Instandsetzung und dem Ausbau des Nord-Ostsee-Kanals näher vertraut machen. Sie sehen eine kleine 125 Meter lange und 32 Meter breite sowie eine große 310 Meter lange und 42 Meter breite Schleuse. Die kleinere Anlage war wegen Taucherarbeiten gerade gesperrt. In der großen Schleusenkammer aber pulsierte der Verkehr. Mehrere Containerzubringer passieren während der Stippvisite die Anlage – so auch die „Wes Janine“, „WMS Groningen“ und „Bernhard Schepers“, um nur einige zu nennen. Ihre Schleusungszeit beträgt im Mittel 20 Minuten.

2014 nutzen 32 600 Schiffe mit nahezu eine Million Tonnen Güter den Kanal – das war von der Transportmenge ein neuer Rekord. 950 000 Tonnen erwartet Bösl trotz Rückgänge im Ostverkehr auch in diesem Jahr.

Der rund 100 Kilometer lange Nord-Ostsee-Kanal ist die meist befahrene künstliche Seeschifffahrtstraße der Welt und erspart Schiffen den etwa 450 Kilometer langen Umweg über Skagen. Zum Kanal gehören die Schleusenanlagen in Kiel und Brunsbüttel, zehn Brücken, zwei Tunnel, zwölf Autofähren und zwölf so genannte Weichen, also Ausweichstellen für Schiffsbegegnungen.

Über die Investitionen zur Ertüchtigung des 1895 eingeweihten, zwischen 1907 und 1914 sowie 1948 erweiterten Kanals informierte Sönke Meeseburg, Leiter der Planungsgruppe für den Ausbau des Kanals. Er machte deutlich, dass der längst überfällig war, aber Rückgänge im Verkehrsaufkommen in den 1990er-Jahren, die Planungen bremsten. Nun geht es unter anderem einem Flaschenhals zu Leibe – der so genannten Oststrecke zwischen dem Kanalkilometer 80 bis 94, wo die Sohlbreite von 44 auf 70 Meter zu erweitern ist. In Brunsbüttel ist eine fünfte Schleuse zu bauen, damit die anderen baufälligen Kammern gründlich saniert werden können. Eine Hochbrücke ist neu zu errichten, ein Straßentunnel zu sanieren, Kurvenbegradigungen und Vertiefungen erfolgen. Das alles dauert seine Zeit. Meeseburg benennt Hemmnisse wie den Umzug von Seeschwalben und Fledermäusen von der Levensauer Brücke.

Am 5. Oktober kann für den Bau der Spreizbogenbrücke aber nun das Planfeststellungsverfahren eingeleitet werden, sodass voraussichtlich 2018 der Bau beginnt. Bis 2030 und darüber hinaus gibt es zwischen Kiel und Brunsbüttel viel zu tun, erfolgen Millionen-Investitionen. Allein die Grundinstandsetzung des Rendsburger Straßentunnels wird etwa 40 Millionen Euro kosten. Während der Bauarbeiten läuft der Kanalbetrieb in der Regel weiter.

Wenn nach dem Ausbau beispielsweise auch Containerschiffe bis 2000 TEU (Standardcontainer) den Kanal passieren können, wird für die großen Carrier die künstliche Wasserstraße zu eng bleiben. Die lichte Höhe der Brücken und die Ausmaße der Schleusen setzen Grenzen. Dass aber alle Möglichkeiten voll ausgeschöpft werden, zeigt dieser Tage die Rostocker Zulieferung für die Meyer Werft.

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