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Norddeutsche Neueste Nachrichten

20. November 2017 | 20:16 Uhr

Walter Kempowski : Schauplätze aus Leben und Werk

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

10. Todestag von Kempowski – Rostock erinnert sich an seinen bedeutenden Schriftsteller: Kennen die Rostocker sich aus – vom Wohnhaus, zur Schule, über das Kempowski-Ufer zum Schiffsmaklerbüro? #wirkoennenrichtig

von
erstellt am 05.Okt.2017 | 05:00 Uhr

Seine „Deutschen Chroniken“ anhand seiner eigenen Geschichte, das „Echolot“-Projekt als Collage aus Tagebüchern, Briefen, Fotos aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs – Walter Kempowski hat es zu einem gigantischen Werk gebracht. Er ist wohl der Rostocker Schriftsteller schlechthin. Heute vor zehn Jahren starb der Schiffsmakler-Sohn. Was wissen die Rostocker noch von ihm? Wie viel ist geblieben von einem Mann, dessen wohl größtes Anliegen das Bewahren war?

 

Am Wohnhaus

Ein regnerischer Tag in der Woche von Kempowskis Todestag, die Augustenstraße ist ruhig am frühen Nachmittag. Ob Passanten wissen, woran sie vorbeigehen? „Dieses Haus? – Das ist Kempowskis Wohnhaus.“ Volltreffer. Viviane Engelmann kennt sich bestens mit Leben und Werk aus. Kein Wunder, sie ist Stadtführerin. Als solche findet sie die Gedenktafel am Haus aber ein wenig zu unauffällig. Die Tafel erklärt die Architektur des 1931 für den Inhaber der Mineralwasserfabrik Kempgens und Co. geschaffenen Wohn- und Geschäftshauses – und, dass dort die Handlungen von Kempowskis „Tadellöser & Wolff“ (Chronik IV) und „Uns geht’s ja noch gold“ (Chronik V) spielen. Mittlerweile ist bezeichnenderweise eine Goldschmiedin in das Haus gezogen, gerade aber noch in der Babypause. Viviane Engelmann ist noch da, wenn auch in Eile. „Ich habe angefangen, von ihm zu lesen.“ Literarisch sei er nicht einfach. Aber: „Er sei eine historische Fundgrube – sehr interessant.“ Weg ist sie.

Gunnar Schult hat sich noch nicht an Kempowski rangewagt. Der Sachverständige beim TÜV passiert das Haus nur wenig später. Aber der gebürtige Rüganer kennt Kempowski – „natürlich“. „Das ,Echolot’ und seine Bücher. Ich habe mir das immer mal vorgenommen.“ Dass das Kempowskis Wohnhaus ist, war ihm bewusst. „Meine Schwester wohnt daneben.“ Außerdem sei seine Kollegin Kempowski-begeistert – von den bürgerlichen Verhältnissen, die er schildert.

 

Die Schule

Im Haus der Musik – der ehemaligen Großen Stadtschule – in der einst Kempowski lernte – ist es verdächtig leise. „Ferien“, erklärt Sabine Stender im Sekretariat des Konservatoriums. In der Broschur „Zukunftsmusik im KON“ (herausgegeben 2012 zum 70. Geburtstag des Konservatoriums (1941 - 2011)), spielt auch Kempowski eine Rolle. Denn er hat nicht nur die Stadtschule besucht, nachdem das Realgymnasium in der Lindenstraße zerbombt wurde, sondern auch das KON, als das noch am Schillerplatz war. „Eine Passage aus ,Tadellöser & Wolf’. Er hatte bei einer Frau Schnabel Unterricht – Klavier“, erklärt Stender. Die Kollegen, wie sie auch, hätten das Buch größtenteils gelesen. Sie selbst hat ihn auch kennengelernt, noch am Schillerplatz. Edgar Sheridan-Braun hatte gerade erst die Leitung übernommen. Da kam ein Herr herein – „im langen Mantel. Er war so hanseatisch“, erinnert sich Sabine Stender, die ihn erst nicht erkannte. Aber es war Kempowski, er wollte sich nur mal umschauen. Eine lebendige Erinnerung, die bleibt.

 

In seiner Straße

An Erinnerungen mangelt es am Kempowski-Ufer im Stadthafen. „Das fällt nicht wirklich in mein Interessengebiet.“ Claudia Bobzien ist da ganz ehrlich. Sie verkauft direkt am Kempowski-Ufer auf dem Kutter „Røde Orm“ Fisch aus Warnemünde. Und ihre Kunden? Ein Touristen-Pärchen aus dem Rheinland: „Nein, noch nie von ihm gehört.“ Aber die Backfisch-Brötchen vom Kempowski-Ufer schmecken ihnen hervorragend. Die Straße war 2009 im Beisein von Witwe Hildegard Kempowski nach Rostocks Literaten benannt worden. Vielleicht weiß die Post mehr? Fehlanzeige. Mit Barlach kennt sich Güstrower Martin Lang noch aus. Aber Kempowski? – Nie gehört. Dabei verteilt er direkt hinterm Geschäftshaus Otto Wiggers Schiffsmakler Päckchen. Dort hatte Karl Georg „Vater“ Kempowski gearbeitet. Fazit: Vergessen ist Kempowski sicher nicht – dafür wird in Rostock das Archiv, aber auch viele Rostocker sorgen. Und für alle anderen ist es ja noch nicht zu spät.

 

Hintergrund: Leben und Werk
• Walter Kempowski wurde am 29. April 1929 in Rostock als Sohn des Reeders und Schiffsmaklers Karl Georg Kempowski (1898–1945), Teilhaber der Reederei Otto Wiggers, und der Hamburger Kaufmannstochter Margarethe Kempowski (1896–1969) geboren.
• Er begann eine Kaufmannslehre, geriet an die Regierung und kam für acht Jahre in Haft. Danach studierte er Pädagogik und arbeitete als Grundschullehrer. 1969 wurde sein erster Roman „Im Block“ veröffentlicht. In den 70er-Jahren wurden einige seiner autobiografischen Romane verfilmt wie „Tadellöser & Wolff“ (1975). Von 1980 bis 1991 war er Lehrbeauftragter für Fragen der Literaturproduktion an der Uni Oldenburg. Sein Stil ist die Collage eigener Erlebnisse, Liedtexte, Zitate, Reklameschriften und dergleichen – für einen authentischen Eindruck.
• Am 5. Oktober 2007 starb er in Rotenburg an Darmkrebs.
• Werke (u. a.): „Deutsche Chronik“ – I bis IX von 1978 bis 1997, „Echolot“ (1993 bis 2005), „Herrn Böckelmanns schönste Tafelgeschichten“ (1983), „Plankton. Ein kollektives Gedächtnis“ (2014, mit Simone Neteler)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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