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Norddeutsche Neueste Nachrichten

13. Dezember 2017 | 10:17 Uhr

Literatour Nord : Rückkehr in die verstrahlte Zone

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Studenten schreiben über Romane / Dienstagabend Lesung mit Alina Bronsky

Sechs Autoren der Gegenwartsliteratur gehen mit der Literatour Nord auf Reisen. In den Universitätsstädten Rostock, Oldenburg, Bremen, Lübeck, Lüneburg und Hannover stellen sie ihre Neuerscheinungen vor. Vor den Lesungen rezensieren Rostocker Germanistik-Studenten die Bücher exklusiv in den NNN.

Zum Auftakt: Alina Bronsky: „Baba Dunjas letzte Liebe“, erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, Köln 2015. Die Autorin ist Dienstagabend um 20 Uhr im Literaturhaus, Doberaner Straße 21, zu Gast.

Pro: Vom strahlenden Glück der letzten Liebe
Für die einen ist Heimat das Bekannte und Vertraute, das erhalten und geschützt werden muss. Die anderen betonen, dass sich die Heimat für das Fremde öffnen und verändern müsse. Alina Bronsky hingegen löst den Begriff aus den politischen Debatten und schildert ihn aus der Sicht einer über 80-Jährigen.Baba Dunja gehörte zu den ersten Rückkehrern, die sich nach Tschernobyl wieder in der verstrahlten Zone niederließen. Ihrem Beispiel folgten andere, und so zog wieder Leben in die verlassenen Häuser von Tschernowo ein: Es richtet sich nach den Jahreszeiten und ist vom täglichen Überlebenskampf geprägt. Herausragend dargestellt, als durchsetzungsstarke, erfahrene und warmherzige Frau, ist Baba Dunja. Sie ist es, die mit ihrer Tatkraft die kleine Dorfgemeinschaft zusammenhält. Dennoch zweifelt sie an ihrer Entscheidung, für ihren Wunsch nach einem ruhigen Lebensabend auf ihre Tochter und Enkelin verzichtet zu haben. Der Roman ist für mich vor allem eine liebevoll und authentisch gestaltete Erzählung über eine alte Frau, die sich zwischen Heimat und Familie entscheiden muss. Ricardo Kipar

Contra: Heimat ist zum Sterben schön
Alina Bronskys neuer Roman über eine strahlende Heimat und die Starrsinnigkeit alter Leute. Viel könnte er sagen, der neue Roman. Er gibt die Gedanken von Baba Dunja wieder und nimmt uns mit in einen Mikrokosmos aus Selbstaufgabe und Schrulligkeit. Die Titelheldin flüchtet sich in eine Welt aus Gartenarbeit und Nachbarschaftständeleien und kommentiert jede ihrer Bewegungen in einem anstrengenden Präsens. Ihre Binsenweisheiten zeigen, wie sehr sie darauf wartet, das Zeitliche zu segnen. Ihr Kontakt zur Außenwelt besteht nur aus den Briefen an und den Paketen von ihrer Tochter Irina. Hier zeigt sich, wie gut es sich leben lässt, wenn man die Realität ausblendet und sich seinen alterstarren Egoismus schönredet. Bronsky deutet in ihrer knappen, emotionsarmen Sprache viel an, was Potenzial für eine gute Geschichte hätte. Nur verfliegen das Interesse und die Aufmerksamkeit rasch, und der romantisierte Weg einer Außenseiterin geht ohne Entwicklung weiter. Da helfen weder die zwei Morde im Dorf, noch die skurrilen Beschreibungen der Bewohner. Bronsky reduziert ihr Buch radikal auf das Schönreden und die Rechtfertigungen einer Person, die sich aufgegeben hat. Jasmin Tegler-Loewié




 

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