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Norddeutsche Neueste Nachrichten

24. November 2017 | 21:24 Uhr

Wohnungsnot : Rostocks Studenten droht das Exil

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Zum Wintersemester ist Ausweichlösung in Groß Lüsewitz im Gespräch. Oberbürgermeister fordert mehr Initiative

von
erstellt am 28.Jul.2017 | 05:00 Uhr

Weil in Rostock die Wohnungen ausgehen und Neubauprojekte stocken, droht Studenten das Exil in Groß Lüsewitz. Das Studentenwerk erwäge dort die Anmietung einer ehemaligen Flüchtlingsunterkunft als Notlösung, erklärt Katharina Wilke, Mitglied des Aufsichtsrats und Vorsitzende des Allgemeinen Studentenausschusses. „Das Wintersemester fängt im Oktober an, bis dahin ist sonst nichts realisierbar“, sagt sie. „Wir rechnen mit vielen Bewerbern.“

Alle bestehenden Wohnheime seien zu 100 Prozent ausgelastet. Schätzungen zufolge müsse das Werk über 1400 Wohnungsgesuche ablehnen. Das wären noch einmal 300 mehr als im vergangenen Jahr, als einige Studenten sogar nach Wismar ziehen und von dort pendeln mussten. „Das wollen wir nicht noch einmal“, sagt Wilke. Eine Übergangslösung in Groß Lüsewitz sieht sie allerdings ebenfalls kritisch. Für die Fahrt nach Rostock könnten die Studenten nicht einmal das Semesterticket nutzen, da der Ort außerhalb der Reichweite liege.

„Das Studentenwerk hat sich in diesem Jahr große Mühe gegeben, neue Bauvorhaben zu starten und alternativen Wohnraum in der Nähe Rostocks zu erwerben“, erklärt Wilke und verweist unter anderem auf den angestrebten Mensa-Neubau mit angeschlossenem Wohnheim in der Ulmenstraße. Gegen einen dafür benötigten Abriss des ehemaligen Elisabeth-Heimes macht eine Bürgerinitiative mobil. Sie will das Gebäude unter Denkmalschutz stellen lassen, bisher erfolglos. Im bestehenden Haus sind keine Mensa mit 400, Cafeteria mit 80 und Wohnheim mit 74 Plätzen möglich, hatte das Studentenwerk erklärt.

Und es gibt ein weiteres Problem: Statt der geplanten Erbpacht-Regelung mit dem Land müsste das Grundstück jetzt teuer von ihm gekauft werden. Das kritisiert auch Jacqueline Dejosez, Präsidentin des Studentenrats. Sie sagt: „Wenn das Studentenwerk keine günstigen Baumöglichkeiten bekommt, wird sich das auf Dauer auf die Mietpreise oder den Semesterbeitrag niederschlagen.“ Letzterer sei bereits im vergangenen Jahr um 30 Prozent gestiegen, weil das Land zu geringe Zuschüsse zahle. Eine weitere Erhöhung sei nicht hinnehmbar, so Dejosez: „Die Studenten werden nicht für die Versäumnisse von Stadt und Land in Sachen sozialen Wohnungsbaus aufkommen.“

Auch Wilke fordert von der Stadt mehr Bemühungen und Entgegenkommen beim sozialen Wohnungsbau, nicht nur für Studenten. Oberbürgermeister Roland Methling (parteilos) weist diese Kritik scharf zurück. Allein bei der Wiro seien rund 600 Wohnungen verfügbar. „Der Mietpreis liegt im Schnitt bei 5,89 Euro pro Quadratmeter, das entspricht Sozialwohnungsniveau“, sagt Methling. Da Studenten keinen Anspruch auf eine zentral gelegene Unterkunft hätten, gebe es de facto auch keine Wohnungsnot. Aus seiner Sicht müsse das Studentenwerk mehr Initiative zeigen. „Zum Beispiel wurde der Komplex in der Möllner Straße dem Verfall preisgegeben“, kritisiert er. Zudem seien bereits in der Max-Planck-Straße in der Südstadt neue Wohnheime im Gespräch.

 

Kommentar “Sonderfall Studentenwerk“ von Torben Hinz
Wohnungsnot und steigende Mieten treffen alle. Studenten bilden dennoch einen Sonderfall, zumindest diejenigen, die auf Bafög angewiesen sind. Gerade für sie stellt das Studentenwerk Wohnraum zur Verfügung. Seine Mieten sind an die 250 Euro angepasst, die im Bafög als Zuschuss für die Unterkunft gezahlt werden. Mit vielen anderen Vermietern kann das Werk so allerdings kaum beim Bieterwettstreit um Grundstücke mithalten. Daher sollte es auch von Land und Stadt anders bei der Vergabe und bei Baukostenzuschüssen behandelt werden. Das ist in der Regel allerdings auch der Fall. Denn am Ende geht es um eine grundlegende gesellschaftliche Frage: Dürfen wirklich alle studieren oder nur Kinder finanzstarker Familien?

 

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