zur Navigation springen

Angebot für Gehörlose in Rostock : Rostocks leisester Chor

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Die „Singenden Hände“ proben mittwochs in Evershagen und vermitteln die Lieder mithilfe von Gebärdensprache.

svz.de von
erstellt am 05.Apr.2016 | 11:45 Uhr

Die Wiedersehensfreude ist groß. Und obwohl sie sich einmal pro Woche zur Probe treffen, gehen den Mitgliedern des Chors die Themen nicht aus. Ob eine gerade überstandene Erkältung, der Geburtstag der Tochter oder Probleme mit dem Knie: Was die vier Frauen und zwei Männer miteinander besprechen, hört außer ihnen niemand. Denn sie tun es mit den Händen. Genau wie das Singen, weshalb der Gebärden-Chor den passenden Namen „Singende Hände“ trägt.


Kleiner Probenraum, aber große Bühnen


Seit 2010 gibt es in der Hansestadt dieses Angebot von Antje Hebst mit und für Gehörlose. „Als ich bei der Gehörlosenseelsorge des Mecklenburgischen Kirchenkreises anfing, fragte man mich, ob ich mir vorstellen könnte, den Chor zu leiten“, blickt die 38-Jährige, die selbst von Geburt an hochgradig schwerhörig ist, zurück. Und die Idee kam an. Die Besetzung des Chores ist fast von Anfang an konstant, das Miteinander deshalb eingespielt. Dennoch ist die wöchentliche Probe im Gemeinsamen-Haus in Evershagen ein Termin, den sich keines der Mitglieder, die im Alter zwischen 38 und 72 sind, entgehen lässt.

„Ich bin aus Spaß und Interesse hergekommen und schätze die Gemeinschaft. Der Chor stärkt das Selbstbewusstsein“, sagt Ute Lübnitz. Auch wenn der Probenraum, der gleichzeitig das Büro von Antje Hebst ist, nur beengte Verhältnisse zulässt – die Auftritte brachten den Chor schon auf große Bühnen. „Wir waren unter anderem schon in Stuttgart, Hamburg, Nürnberg, Berlin“, zählt Hebst bisherige Stationen auf.

Das Publikum sei dabei nicht zwingend gehörlos. „Wir treten zum Beispiel auch beim Aktionstag zur Gleichstellung behinderter Menschen im Rostocker Rathaus auf und manchmal übertragen wir per Beamer auch den Text in Lautsprache auf eine Leinwand, sodass alle es verstehen“, sagt die Chorleiterin.


Neue Wörter brauchen auch neue Zeichen


Da die meisten Auftritte einen kirchlichen Bezug haben, besteht natürlich auch das Repertoire des Chores überwiegend aus religiösen Stücken. Statt Noten haben die Sänger Textblätter zum Erlernen neuer Lieder. Dabei gibt es einen entscheidenden Unterschied vom normalen Liedtext zur Fassung in Gebärdensprache: „Der Satzbau ändert sich, die Verben kommen immer am Ende“, sagt Hebst. Die Synchronität der Gebärden sei wichtig und ein Hauptanliegen der Proben. Nicht immer sind aber alle gleichzeitig dran. „Besteht ein Stück aus mehreren Strophen, kann es auch sein, dass jeder eine Strophe macht und beim Refrain alle einsetzen“, sagt die Chorleiterin.

Die Gebärdensprache sei immer im Wandel und habw auch Dialekt-Ableger sowie Landes-Eigenheiten. Nicht alle Gebärden sind dabei für Hörende leicht zu entschlüsseln. Einige ähneln den Gesten, die Babys und Kleinkinder ganz natürlich und von sich aus verwenden oder deren Eltern benutzen. „Wenn sich der Wortschatz weiter entwickelt, sich zum Beispiel Begriffe wie Handy oder Tablet etablieren, gibt es dann natürlich auch die entsprechenden Gebärden“, weiß Antje Hebst. Eines ist aber sicher: Am Ende der Chor-Auftritte gibt es immer in die Luft gereckte und drehende Hände zu sehen – die Gebärde für Applaus.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen