zur Navigation springen

Hospitalschiff vor Afrika : Rostockerin hilft in Benin

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Regina Schweitzer arbeitet als Haushälterin auf dem größten privaten Hospitalschiff der Welt vor der afrikanischen Küste.

svz.de von
erstellt am 29.Aug.2017 | 12:00 Uhr

Putzen, Wäsche waschen, in einer Acht-Bett-Kabine schlafen und dafür auch noch 700 Dollar pro Monat bezahlen? „Die erste Reaktion ist immer: Wie bescheuert muss man sein“, sagt Regina Schweitzer. Abgehalten hat sie das trotzdem nicht. An Ostersonntag ist die 57-Jährige nach Cotonou im westafrikanischen Benin aufgebrochen, um auf dem größten privaten Hospitalschiff der Welt zu helfen. Neun Wochen lang blieb die Rostockerin als Haushälterin auf der „Africa Mercy“, Schwesterschiff der langjährigen Warnemünder Scandlines-Fähren „Kronprins Frederik“ und „Prins Joachim“.

Für die medizinische Behandlung nehmen die Patienten lange Wartezeiten in Kauf.
Für die medizinische Behandlung nehmen die Patienten lange Wartezeiten in Kauf.
 

„Natürlich sind die Ärzte die Stars“, sagt Schweitzer. Aber ohne stille Helden wie sie würde der ganze Betrieb an Bord zusammenbrechen. „Sauberkeit ist das A und O, gerade in den Operationsräumen“, so Schweitzer. „Das war richtig harte Arbeit.“ Arbeit, bei der die deutsche Touristikerin sich Seite an Seite mit Rechtsanwälten aus den USA, Topmanagern aus Australien, aber auch vielen Einheimischen wiedergefunden hat, die klaglos Toiletten und Gänge schrubben. „Sie wollen einfach Teil des Rädchens sein, um etwas zu bewegen“, erklärt Schweitzer. „Das ist so eine Dynamik, die kann man gar nicht beschreiben.“

Die Hilfsorganisation Mercy Ships wurde von Don Stephens gegründet. 1978 kaufte er die „Anastasis“, das erste von heute insgesamt vier Schiffen der Flotte. Die überholte „Africa Mercy“ lief 2007 vom Stapel, 2019 soll die „Global Mercy“ folgen. Sie wird derzeit in China gebaut und wird doppelt so groß sein. Die zum Großteil Freiwilligen tragen ihre Kosten allein oder mit Unterstützung von Sponsoren. Sie haben mehr als 81 000 Operationen und 377 000 zahnmedizinische Behandlungen vorgenommen und mehr als 1000 Entwicklungsprojekte mit dem Ziel zur Selbsthilfe verwirklicht. So profitierten mehr als 2,35 Millionen Menschen direkt. Anlaufstationen waren 561 Häfen in 70 der ärmsten Länder der Welt. Internet: www.mercyships.de

Die „Africa Mercy“ ist das größte private Hospitalschiff der Welt – und ein Schwesterschiff der alten Scandlines-Fähren.
Die „Africa Mercy“ ist das größte private Hospitalschiff der Welt – und ein Schwesterschiff der alten Scandlines-Fähren.

An Bord seien fast ausschließlich hochmotivierte Freiwillige. Während Schweitzers Einsatzes lebten und arbeiteten dort 450 Menschen aus 43 Nationen, die einheimischen Helfer kamen noch oben drauf. Im Gegensatz zu den Ausländern erhalten sie ein Gehalt, statt selbst Geld mitzubringen. Wie die Patienten mussten die Einheimischen morgens zunächst am Zauntor warten und einen kleinen Gesundheitscheck über sich ergehen lassen. Erst dann konnten sie an Bord, wo der Arbeitstag gegen 8 Uhr mit Gesang und Gebet begann. Mal früher, mal später: „Deutsche Pünktlichkeit – da sind wir auf der Welt einsame Spitze“, erklärt Schweitzer. Auch wenn sie nicht direkt am ärztlichen Betrieb beteiligt war, hat sie dennoch viele Einblicke bekommen. Unter anderem bei der regelmäßigen Spielstunde mit den Patienten. Mit einem deutschen Krankenhaus seien das Schiff und seine Patienten nicht vergleichbar. „Es gibt so viele böse Krankheiten, zum Beispiel Weichteil-Tumore“, sagt sie. In Deutschland würden sie in der Regel frühzeitig erkannt und entfernt. In Benin fehle den Menschen, die zum Großteil von weniger als zwei Euro am Tag leben, schlicht das Geld und das Gesundheitssystem dafür. Der größte entfernte Tumor wog mehr als vier Kilo. Er befand sich an Hals und Gesicht eines Patienten.

Die Ärzte operieren nicht nur selbst, sie bilden auch Einheimische aus.
Die Ärzte operieren nicht nur selbst, sie bilden auch Einheimische aus.
 

Die Ärzte behandeln aber beispielsweise auch viele Kinder und Erwachsene mit Gaumenspalten, O-Beinen, völlig verdrehten Körperteilen oder Zahnschmerzen. Eine der häufigsten Operationen betrifft Augenkrankheiten wie den Grauen Star – ein Eingriff von wenigen Minuten, der ein ganzes Leben auf den Kopf stellen kann: „Wenn ein Mann, der 23 Jahre lang ein getrübtes Blickfeld hatte, plötzlich wieder klar sehen kann, ist das so toll, da bekomme ich Gänsehaut“, beschreibt Schweitzer.

Das Engagement der Hilfsorganisation Mercy Ships reicht weit über die reine Medizin hinaus. So werden Einheimische nicht nur in diesem Bereich ausgebildet, sondern zum Beispiel auch in nachhaltiger Landwirtschaft, in Ernährung und Hygiene. „Die Hilfe zur Selbsthilfe finde ich viel wichtiger“, sagt Schweitzer. Wenn das Hospitalschiff nach jeweils zehn Monaten zum nächsten afrikanischen Land ablegt, sollen die Menschen schließlich nicht plötzlich wieder ohne alles dastehen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen