Rostocker Know-how für China

Posieren in China: Wo auch immer Dr. Dirk Flachsmeyer hinkam, wollten sich die Menschen mit ihm fotografieren lassen. Georg Scharnweber
Posieren in China: Wo auch immer Dr. Dirk Flachsmeyer hinkam, wollten sich die Menschen mit ihm fotografieren lassen. Georg Scharnweber

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21. Oktober 2011, 09:08 Uhr

Südstadt | Ein deutscher Arzt kommt. Das ist für die Menschen in China eine kleine Sensation. Mit großen Bannern begrüßen sie ihren Gast aus Europa, schießen unzählige Fotos, löchern ihn mit Fragen. Für Dr. Dirk Flachsmeyer war der Besuch im Fernen Osten eine Herausforderung. "Ich war von früh bis spät für die Menschen präsent, musste Rede und Antwort stehen", so der Oberarzt vom Klinikum Südstadt. Flachsmeyer ist Facharzt für Orthopädie, Unfall- und Handchirurgie. Sein Spezialgebiet: Knie- und Hüftprothesen.

Anfang des Jahres reiste Flachsmeyer durch chinesische Krankenhäuser. Im Auftrag einer Firma, die Prothesen herstellt und damit auch den chinesischen Markt bedient, operierte Flachsmeyer unter interessierten Blicken und hielt Vorlesungen. Mittlerweile funktioniert der Austausch auch in die andere Richtung. Derzeit ist ein chinesischer Arzt am Südstadtklinikum zu Gast. Er bleibt für einen Monat, um von den deutschen Medizinern zu lernen. Das Projekt nennt sich "Ärzte für China" und hat zum Ziel, deutsches Know-how nach China zu bringen. "Sie suchen dafür Ärzte, die schon viel operiert haben und bereits Erfahrungen mit den Prothesen dieser Firma haben", erklärt Flachsmeyer. Die Menschen in China, so der Mediziner, halten viel von der Arbeit deutscher Ärzte, schätzen deren Qualität.

Hohe Erwartungen an den Gast aus Europa

Wenn Flachsmeyer operierte, standen Menschen mit Kameras um ihn herum. Seine Arbeit wurde direkt in Hörsäle übertragen. Doch besonders bewusst wurde ihm die hohe Erwartungshaltung der Menschen an ihn, als er vor einer Operation im Gespräch die gesamte Großfamilie des Patienten kennenlernte. "Für sie war schon vorher klar, dass das Ergebnis super werden würde, weil ja ein deutscher Arzt operierte", berichtet Flachsmeyer. Ein gewisser Druck sei das schon gewesen. Denn schließlich hänge ein Großteil des Erfolges auch von der Nachbehandlung ab. "Und in diesem Bereich sind die chinesischen Ärzte längst nicht so gewissenhaft wie wir in Deutschland." Physiotherapie werde selten, eine Kur eigentlich nie verordnet. Ein großer Unterschied sei es auch, dass die chinesischen Patienten für den Eingriff selbst aufkommen müssen - und der ist nicht eben billig. Schätzungsweise zehn Monatsgehälter muss der Durchschnittschinese für die Operation an der Hüfte aufbringen. "Ein Patient kam, der schon zwei künstliche Hüftgelenke hatte und nun eigentlich zwei Knieprothesen bekommen sollte", berichtet Flachsmeyer. Doch das Geld reichte nur für ein Knie und auch die aus Sicht des deutschen Arztes dringend notwendige Reparatur der einen Hüftprothese war finanziell nicht möglich. "Weil es für sie so teuer ist, kommen die meisten wirklich erst dann, wenn es gar nicht mehr anders geht."

Für Sightseeing fehlte die Zeit

Für den Arzt vom Südstadtklinikum war der Ausflug nach China keinesfalls Urlaub. Der Zeitplan war eng gestrickt. Morgens 7 Uhr klingelte der Wecker. Bis 8 Uhr musste er aus dem Hotel auschecken. Vormittags standen dann in der Regel zwei Operationen auf dem Programm. Nach der Mittagspause hielt Flachsmeyer Vorträge. Danach ging es dann auch schon in die nächste Stadt, zum nächsten Krankenhaus, zu den nächsten Fragen. Um Mitternacht war der Tag für den Mediziner dann meistens zu Ende. Ein straffes Programm. "Aber Sightseeing ist ja nicht das Ziel des Projektes", räumt Flachsmeyer ein, für den diese Reise der erste Besuch Chinas und Asiens überhaupt war. Er könnte sich schon vorstellen, auch einmal privat in das Reich der Mitte zu reisen. "Vor allem weil das chinesische Essen einfach hervorragend ist."

Modernste Krankenhäuser, aber veraltete Arbeitsweisen

In China boomt die Wirtschaft. Die Krankenhäuser, so Flachsmeyer, entsprechen den modernsten Standards. Nur die Arbeitsweisen, kritisiert der Mediziner, hängen da noch etwas hinterher. "Gerade Sauberkeit und Sterilität sind eher mäßig. Ich habe dort Dinge gesehen, die in Deutschland absolut undenkbar wären", sagt der Chirurg. Zum Beispiel: Gardinen im Raum, in dem die OP-Bestecke gewaschen werden, und Baumwollkittel am Operationstisch - das gibt es hierzulande nirgendwo mehr.

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