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20. November 2017 | 05:12 Uhr

Rostocker gedenken Mehmet Turguts

vom

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erstellt am 26.Feb.2012 | 07:02 Uhr

Toitenwinkel | Eine Zigarette als Zeichen der Verbundenheit ist das Letzte, das Che Atay seinem ermordeten Freund Mehmet Turgut mitgeben konnte. Wie rund 100 weitere Rostocker nahm er am Sonnabend an einer Gedenkveranstaltung im Neu Dierkower Weg in Toitenwinkel teil - dem Ort, an dem Mitglieder des Nationalsozialistischen Untergrunds den Imbiss-Verkäufer Turgut vor acht Jahren kaltblütig erschossen haben. Sie fordern, die Straße als Mahnung in Mehmet-Turgut-Straße umzubenennen.

"Er war der netteste Mensch, den ich je gekannt habe, immer sehr freundlich, immer höflich", sagt Atay. Der 27-Jährige ist froh, dass nun endlich die wahren Hintergründe des Mordes bekannt sind. "Uns war immer klar, dass es Faschisten waren", sagt er. Die ursprüngliche Erklärung der Polizei, Turgut sei in die organisierte Kriminalität verstrickt gewesen, habe er nie glauben können. Zugleich aber ist er geschockt, dass die Neonazi-Zelle über Jahre hinweg ungestört zehn Menschen in ganz Deutschland ermorden und mehrere Banken ausrauben konnte. "Ich persönlich fühle mich hier nicht mehr heimisch", sagt er. Dabei sei die Hansestadt seit seiner Ankunft vor zwölf Jahren immer eine Herzensangelegenheit gewesen. "Ich habe nie gesagt, dass ich aus der Türkei komme, sondern aus Rostock", so Atay.

Wie ihm geht es auch Imam-Jonas Dogesch, der als Mitglied des Migrantenrates eine Rede hielt. Er fordert vollständige Aufklärung und mahnt: "Die drei Nazimörder haben auch hier in Rostock Unterstützer gefunden." Ohne lokale Ortskenntnisse sei eine solche Tat nicht denkbar. Dogesch ruft dazu auf, bei Anfeindungen von Ausländern nicht zu schweigen und wegzugucken. "Kein Migrant in Deutschland kann sagen, dass er nicht von Beleidigungen und Nötigungen betroffen ist", sagt er. Er selbst wurde beispielsweise einmal von einem anderen Kneipengast aus heiterem Himmel als "Scheiß Ausländer" beschimpft - und erlebte daraufhin Zivilcourage. Der Mann wurde von den anderen Gästen rausgeschmissen und erhielt Lokalverbot.

Auch Barbara Borchardt, die für die Linkspartei im Landtag sitzt, forderte in ihrer Rede, die zivilgesellschaftlichen Strukturen und damit die Demokratie zu stärken. Eine bloße Entschuldigung bei den Opferfamilien reiche nicht aus. Doch politische Konsequenzen aus der Mordserie seien bislang nicht gezogen worden, im Gegenteil: Das Asylverfahren und damit das Klima gegen Ausländer werde immer noch weiter verschärft. Auch an der Rolle des Verfassungsschutzes übte Borchardt scharfe Kritik. "V-Leute sind Bestandteil der aggressiven Politik. Aus unserer Sicht ist der Verfassungsschutz aufzulösen, er verschärft die Situation nur", sagt sie.

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