Wissenschaft : Rostocker Forscher bauen Kraftwerk digital nach

Kraftwerksleiter Axel Becker (v. l.) bespricht mit den Forschern der Uni Rostock Moritz Hübel und Conrad Gaserow die aktuelle Betriebssituation auf der Leitwarte des Rostocker Kraftwerks.
Kraftwerksleiter Axel Becker (v. l.) bespricht mit den Forschern der Uni Rostock Moritz Hübel und Conrad Gaserow die aktuelle Betriebssituation auf der Leitwarte des Rostocker Kraftwerks.

Industrie wartet auf neue Bewertungsmodelle von der Uni Rostock

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29. Januar 2016, 06:00 Uhr

„Erneuerbare Energien werden eines Tages im Zusammenspiel mit großtechnischen Speichern, vielleicht sogar mit Kernfusion, die Energieversorgung im Land sichern.“ Davon ist Moritz Hübel überzeugt. Doch der Diplom-Ingenieur für Maschinenbau, der gerade zu diesem Thema an der Rostocker Universität seine Doktorarbeit schreibt, weiß auch: „Von diesem Ziel sind wir noch sehr weit entfernt.“

Erneuerbare Energien wie Wind und Sonne decken in Deutschland bereits ein knappes Viertel des gesamten Stromverbrauchs. Bislang springen konventionelle Kraftwerke ein, wenn Wind und Sonne den Strombedarf nicht decken können. Eine sichere und zuverlässige Stromversorgung gibt es aber nur dann, wenn das Stromnetz stabil ist – wenn also konstant genau so viel Strom eingespeist wie verbraucht wird. Das wünscht sich auch der Rostocker Kraftwerksleiter Axel Becker. Die Rolle thermischer Kraftwerke und so auch die des Rostocker Kraftwerks für die Gewährleistung der Versorgungssicherheit ist trotz Energiewende eine entscheidende.

Moritz Hübel erbrachte den wissenschaftlichen Nachweis, dass thermische Kraftwerke weitaus mehr Potenzial für die Energiewende bieten, als bislang gedacht. Trotz des Ausbaus von erneuerbaren Energien, der Steigerung der Nachfrageflexibilität, der Errichtung von Speichern sowie der internationalen Netzeinbindung werden auch im Jahr 2050 immerhin noch zirka 46 Gigawatt thermische Kraftwerksleistung notwendig sein. Das entspricht etwa 100-mal der Leistung des Rostocker Kraftwerkes.

Um Schäden, die durch diese neuartigen Beanspruchungen entstehen könnten, frühzeitig bewerten zu können, brauche es neue Berechnungs- und Bewertungswerkzeuge, sagt Becker. Eben solche liefere nun die Rostocker Universität. Derzeit sei das Rostocker Kraftwerk in der Lage, binnen 30 Minuten die Leistung im Lastbereich zwischen der Mindest- und der Maximallast runter- oder hochzufahren. Doch dieser Prozess soll mithilfe der Forscher von der Uni Rostock weiter optimiert werden.

Hübel und seine Kollegen entwickeln am Computer virtuelle Modelle verschiedener Kraftwerke, darunter auch das Rostocker. „Mithilfe solcher virtueller Simulationsmodelle lässt sich ein erhebliches Potenzial aus den Kraftwerken herauskitzeln und risikofrei am Rechner testen“, ist der zweifache Vater überzeugt. Somit lassen sich kurzfristig erneuerbare Energien in größerem Umfang zuverlässig in das Energiesystem integrieren. Hübels Forschungen stoßen dabei weltweit auf Beachtung: Erst kürzlich ist der 30-Jährige auf einer Energiekonferenz in San Diego für seinen Konferenzbeitrag zur Energiespeicherung ausgezeichnet worden. Auch die TU Dresden honorierte seine diesbezüglichen Lösungsansätze mit einem Preis.

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