Flüchtlinge in der Hansestadt : Rostock warnt vor dem Kollaps

Seit Anfang September haben der Syrer Qusay (r.) und die anderen Freiwilligen von „Rostock hilft“ schätzungsweise 26 000 Flüchtlinge auf ihrem Weg nach Skandinavien betreut.
Seit Anfang September haben der Syrer Qusay (r.) und die anderen Freiwilligen von „Rostock hilft“ schätzungsweise 26 000 Flüchtlinge auf ihrem Weg nach Skandinavien betreut.

Laut Verwaltung ist die Kapazitätsgrenze mit zwischenzeitlich 1900 Transitflüchtlingen erreicht / Helfer werfen der Stadt Panikmache vor

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02. November 2015, 08:11 Uhr

Der Hansestadt gehen die Unterkünfte für die Transitflüchtlinge nach Schweden aus. Am Sonnabend befanden sich nach Angaben des Krisenstabs mehr als 1900 Durchreisende in Rostock – so viele wie noch nie. Gestern sank ihre Zahl zwar auf 1700, dennoch sei die Kapazitätsgrenze erreicht, so Stadtsprecher Ulrich Kunze: „Wir tun alles, um Obdachlosigkeit zu vermeiden“, betont er, aber: „Wer jetzt noch hierherkommt, findet keinen Unterschlupf mehr und muss tagelang auf Weiterreise warten.“ Bislang habe der Rostock-Aufenthalt immer ein bis zwei Tage gedauert, jetzt seien es vier bis fünf.

Entspannung ist nicht in Sicht. Im Zwei-Stunden-Takt kommen zum Teil mehr als 300 neue Flüchtlinge mit dem Regional-Express aus Hamburg. „Wir sind relativ ratlos, wie wir das bewältigen sollen“, sagt Kunze. Sechs der aktuell zehn Notunterkünfte seien überbelegt. Mehr Objekte stünden nicht zur Verfügung, zudem könne deren zusätzliche Betreuung nicht abgesichert werden. Um geeignete Immobilien Dritter in Anspruch zu nehmen, fehle die rechtliche Grundlage.

Florian Fröhlich von der Initiative „Rostock hilft“ wirft der Verwaltung Stimmungsmache vor. „Die Lage ist natürlich recht angespannt und die Notunterkünfte sind bereits überfüllt. Trotzdem muss niemand auf der Straße schlafen.“ Es sei falsch, den Eindruck einer Obergrenze zu erwecken. Aus Fröhlichs Sicht verfolgt die Stadt mit ihrer „Panikmache“ das Ziel, mehr Unterstützung vom Land zu erhalten. „Die Forderung tragen wir voll mit.“ Öffentlich Druck mit dem Leid von Menschen zu machen sei aber der falsche Weg.

Innenminister Lorenz Caffier (CDU) hat sich in der Nacht zu Sonnabend selbst ein Bild von der brisanten Lage in Rostock verschafft. Dennoch sieht er nach wie vor die Stadt in der Verantwortung: „Richtig ist: Für die Unterbringung von Transitreisenden im Gefahrenfall ist und bleibt die Kommune rechtlich zuständig.“ Das Land habe aber das alte Physikgebäude am Uniplatz für 150 Transitflüchtlinge freiziehen lassen. Außerdem könnten Betroffene in Prora untergebracht werden.

Caffiers Ministerium prüft derzeit die Umstellung von Geld- auf Sachleistungen für Flüchtlinge. Florian Fröhlich kritisiert das scharf: „Äußerungen, nach denen das Taschengeld ein Anreiz sei nach Deutschland zu kommen, sind blanker menschenverachtender Populismus, der nur dazu dient, Arme und Arme gegeneinander auszuspielen.“ Zudem seien Sachleistungen durch den Verwaltungsaufwand deutlich teurer als Geldzahlungen.

Insgesamt haben seit dem 8. September schätzungsweise 26 000 Geflüchtete auf ihrem Weg nach Schweden in Rostock Zuflucht gefunden. Am Wochenende auch wieder im Rathaus, in der Sporthalle des Innerstädtischen Gymnasiums sowie im gerade erst leergezogenen Altgebäude des Gymnasiums Reutershagen. Für Unterbringung und Versorgung ging die Stadt mit etwa 2,5 Millionen Euro in Vorleistung. Das Geld bekommt Rostock vom Land erstattet.

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