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Norddeutsche Neueste Nachrichten

21. November 2017 | 02:01 Uhr

"Rostock hat eine besondere Kraft"

vom

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erstellt am 19.Jul.2013 | 08:30 Uhr

Fünf Jahre lang leitete Dr. Liane Melzer (SPD) den größten Senatsbereich in der Rostocker Stadtverwaltung. Jetzt geht sie als Bezirksamtsleiterin nach Hamburg-Altona. Im Interview mit NNN-Redakteurin Christine Weber blickt sie zurück auf ihre Arbeit, gelungene Kooperationen und Konflikte im Rathaus.

Sie verlassen Rostock nach fünf Jahren als Senatorin für Jugend, Soziales, Gesundheit, Schule, Sport und Kultur. Was haben Sie geschafft?

Melzer: Ich freue mich, dass es mir gelungen ist, den Aufgabenbereich, für den ich zuständig bin, über das Thema Bildung zu verknüpfen. In dieser Woche hat die zweite Mitarbeiterin in der Volkshochschule zum Thema Bildungslandschaften mit der Arbeit begonnen. Rostock hat dieses Thema aus eigener Kraft zum Schwerpunkt gemacht. Ein Projekt, über das ich ganz besonders froh bin, ist "Jedem Kind ein Instrument". Und zwar, weil mit Dierkow und Toitenwinkel auch Stadtteile mit sozialen Problemen einbegriffen waren. Das Ergebnis nach vier Jahren ist, dass mehr Kinder auf das Musikgymnasium gehen, als sie es wahrscheinlich ohne dieses Projekt getan hätten. Wenn das gelungen ist, ein paar Kindern Perspektiven für ihr Leben zu geben, bin ich froh.

Was nehmen Sie nach Hamburg mit? Was kann Altona von Rostock lernen?

Altona kann diese Verknüpfung der Themenbereiche Jugend, Soziales, Gesundheit, Schule, Sport und Kultur lernen. Es war damals weit vorausdenkend, als sich die Bürgerschaft auf diese Kombination verständigt hat. Ich nehme mit, wie aktiv und engagiert im Bereich der freien Kultur hier vieles entstanden ist. Die Frieda 23 ist ein Vorbild. Auch was die Finanzierung der Sanierung angeht, ist sie ein gutes Beispiel, wie die Stadt im Bereich Kultur Schwerpunkte setzen kann. Eine weitere Sache, die ich mitnehme, ist der Umgang mit Kunst im öffentlichen Raum.

Ist neben der Freude auf die neue Aufgabe ab September auch etwas Wehmut dabei?

Ja, die ist sehr groß. Weil ich hier wieder auf Kollegen getroffen bin, die ich schon aus der Zeit von 1990 bis 1993 gekannt habe. Das sind Menschen, die mit großer Kraft und Hingabe ihre Aufgaben erledigen. Die werden mir in Altona fehlen - auch wenn ich dort auch wieder sehr nette Kollegen haben werde. Gerade diese erste Zeit hat mich sehr an die Stadt und die Mitarbeiter im Rathaus gebunden. 23 Jahre nach der Einigung merke ich weiterhin, dass hier eine besondere Kraft zu spüren ist, die nur in den neuen Bundesländern vorhanden ist. Gerade im sozialen Bereich und im Gesundheitsbereich hat man nach der Einigung versucht, bestimmte Standards zu halten. Das werde ich vermissen. Und das Meer.

An welches Ereignis werden Sie sich gerne erinnern?

An das Gedenken 20 Jahre nach den Ausschreitungen in Lichtenhagen. Es wird mir ganz besonders in Erinnerung bleiben, wie friedlich die ganze Stadt gemeinsam gezeigt hat, dass sie sich an die Ereignisse erinnert, sich mit ihnen auseinandergesetzt und daraus gelernt hat.

Es heißt, Sie hätten sich in Hamburg nicht beworben, sondern seien angesprochen worden. Trotzdem: Ihr Weggang kommt nach einer Reihe von Auseinandersetzungen an der Spitze der Verwaltung, zu einer Zeit, in der Bürgerschaft und Rathaus-Mitarbeiter über ein schlechtes Arbeitsklima klagen. Kam die Gelegenheit also genau richtig?

Ich habe mich nicht beworben, richtig. Weil ich eigentlich in Rostock bleiben wollte für die sieben Jahre, für die ich gewählt wurde. Ich hatte auch mit so einem plötzlichen Vorschlag nicht mehr gerechnet. Natürlich ist es eine besondere Herausforderung, am Ende seines Berufslebens noch einmal Chefin zu sein. In Rostock war meine Tätigkeit immer herausfordernd. In der Konstellation, dass Senatoren von der Bürgerschaft gewählt werden und der Oberbürgermeister direkt von der Bevölkerung, kommt es immer wieder zu Konflikten. Die hängen auch mit dem System zusammen. Es ist kein Geheimnis, dass es immer mal Konflikte innerhalb der Leitung gab. Und es war für mich schon sehr schmerzlich, dass mir im letzten Jahr der Bereich des Kultur- und Denkmalamtes und der Städtischen Museen mehr oder weniger über Nacht entzogen wurde. Dieser Bereich hatte mir viel Freude gemacht. Insofern ist es in dem Augenblick, in dem diese Sachen sich verändert haben, so, dass der Abschied - der sonst wirklich traurig ist - ein bisschen leichter fällt.

Wie hat der Oberbürgermeister eigentlich die Nachricht von Ihrem Weggang aufgenommen?

Er hat genauso überrascht reagiert wie viele andere und ich selbst auch. Er hat dann doch gesehen, dass ich in Altona eine Führungsposition haben werde, die der seinen hier in Rostock gleicht. Ich gehe davon aus, dass er es als Vorteil ansehen wird, wenn die Verbindung zwischen Rostock und Altona enger wird.

Sie haben auf der Senatorenbank gesessen, als die Bürgerschaft vor Kurzem über den künftigen Zuschnitt Ihres Bereichs diskutierte. Was denken Sie darüber?

Ich bin froh, dass jetzt im Ausschreibungstext das Wort Kultur vorkommt. Ursprünglich war der Vorschlag der Verwaltung, dass nur noch Bildung drinsteht. Das hätte ich bedauerlich gefunden. Ich würde mich freuen, wenn das Denkmalamt und die Städtischen Museen wieder in den Senatsbereich geholt würden, der für Kultur zuständig ist. Weil es sinnvoll ist, die kulturelle Entwicklung der Stadt insgesamt voranzubringen.

Was halten Sie von dem Vorschlag, den Senatsbereich ganz aufzuteilen?

Es hieß ja immer, dass der Aufgabenbereich für einen Menschen zu groß ist. Das wäre der Fall, wenn ich die gesamte Arbeit selbst hätte machen müssen. Aber ich habe tolle Amtsleiter und Mitarbeiter. Ich habe meine Aufgabe so gesehen, dass ich die Bereiche zusammenführe und koordiniere und mit den Amtsleitern Ideen entwickle. Das ist sehr gut gelungen bei den Bildungslandschaften oder mit der Universität bei der Bewerbung um den Titel "Stadt der jungen Forscher". Diese Verbindung hat sich aus meiner Sicht bewährt.

Was wünschen Sie Rostock für die Zukunft?

Dass die Stadt bei den Jubiläen 2018 und 2019 der Welt zeigt, welches Potenzial in ihr steckt. Ich habe selbst erlebt, wie viel an Wissen und Ideen in der Verbindung zwischen Stadt und Universität entwickelt werden kann. Dem Volkstheater wünsche ich, dass es ein Vier-Sparten-Theater bleibt, und dass das Ensemble mit den für das Kulturleben der Stadt so wichtigen Arbeitsplätzen seine Größe behält. Dann wünsche ich dem Volkstheater ein neues Gebäude, das noch mehr Besucher anlockt, das europaweit Maßstäbe bei der Energieeinsparung setzt und ein architektonisches Highlight ist. Das Theater - so sehr darüber immer diskutiert wird - ist für die kulturelle Entwicklung der Stadt eine sehr, sehr wichtige Säule.

Und was wünschen Sie Ihrem Nachfolger?

Viel Kraft und Durchhaltevermögen. Ich wünsche, dass es ihm noch ein Stückchen mehr gelingt, die Angebote der Stadt mit denen der Schulen zu verbinden und so die Ressourcen, über die die Hansestadt Rostock verfügt, noch besser zu nutzen.

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