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Lichtenhagen ’92 : Rostock gibt Geld für Gedenken frei

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Hauptausschuss bewilligt rund 50.000 Euro für Veranstaltungen wie ein Demokratiefest zu 25 Jahren Lichtenhagen. #wirkoennenrichtig

svz.de von
erstellt am 16.Mär.2017 | 12:00 Uhr

Wer hätte gedacht, dass „25 Jahre Lichtenhagen“ ein so leidiges Thema wird? Natürlich muss Rostock dem Pogrom gedenken und mahnen, dass so was nicht wieder passiert. Ich glaube sogar, da sind sich die meisten Rostocker einig. Aber über das Wie gibt es unterschiedliche Meinungen. Es kam bei einigen die Beklemmung auf, dass Stadt und Bürgern mit einem „großen Gedenken“ ein Stigma-Stempel aufgedrückt wird. Können sie doch nichts dafür, seien doch nicht sie die Täter – so ein häufiges Argument. Es wird daran erinnert, wie schwierig die Zeit war. Gerade deshalb wären manche Rostocker wohl lieber leise, manche schmerzt die Erinnerung. Auf der anderen Seite stehen die Rostocker, die laut hinausrufen wollen, was passiert ist, dass sie es wissen, dass sie es verachten. Sie wollen sich genau damit von dem Rassismus distanzieren. Es sind zwei Welten, die aufeinanderprallen. Der Slogan „Vielfalt. Miteinander. Leben. Rostock 2017“ könnte beide Seiten zusammenbringen. Rostock blickt damit – auch bei einem Gedenken – ins Jetzt, wofür die Stadt jetzt steht und was sie sein will.

50.000 Euro hat der Hauptausschuss zur Ausgestaltung von Veranstaltungen zum Mahnen und Gedenken an 25 Jahre Lichtenhagen freigegeben – in langen Debatten hatten sich Parteivertreter und Oberbürgermeister vor allem über Deckungsquelle, Empfänger, aber auch die Notwendigkeit gestritten.

„Dieses Gedenken ist nichts, was man aufschieben kann – 25 Jahre Lichtenhagen ist einfach schon im August“, argumentierte Grünen-Fraktionschef Uwe Flachsmeyer. Die Mittel gehen nun an das Kulturamt, das damit die Einweihung der fünf Gedenkskulpturen finanziert und die Bürgerinitiative Bunt statt braun bedenkt. Der Verein arbeitet mit Ralf Mucha von der Kolping-Initiative, der Universität, Pastor Tilman Jeremias, Polizeichef Michael Ebert, dem Stadtsportbund, dem Migranten- und dem Präventionsrat und weiteren Partnern zusammen und plant Veranstaltungen. „Wir werden sehr genau hinschauen, wo die Mittel hingehen“, sagte Daniel Peters (CDU) im Ausschuss. Er war gegen die finanzielle Untersetzung: Die Federführung liege bei der AG Gedenken, mehr sei nicht notwendig.

„Wir wollen das Thema als Stadt- und Zivilgesellschaft gestalten“, sagt Bunt-statt-braun-Geschäftsführer Matthias Siems mit dem Slogan „Vielfalt. Miteinander. Leben. Rostock 2017“. „Wir wollen das Positive herausheben als Stadtgesellschaft“, sagt er. Die ersten Veranstaltungen kommen von der Uni – im Mai mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung zur „Generation Lichtenhagen von 1992 bis 2017“, im Juli mit der Friedrich-Ebert-Stiftung zum Antiziganismus und der Böll-Stiftung zu kommunaler Integrationsarbeit. Die Gedenkquader werden vom Amt ab dem 22. August eingeweiht – Höhepunkt ist am 26. am Sonnenblumenhaus, wo der Verein ein Demokratiefest veranstaltet, das am Abend in einem Bühnenprogramm mit Livemusik gipfelt. Dafür wird der Großteil des Geldes investiert.

Problematisch in Anbetracht der vorläufigen Haushaltsführung war im Ausschuss die Frage, woher das Geld formal genommen werden darf. Debatten folgten. Für so ein wichtiges Gedenken, sagte Eva-Maria Kröger (Linke), müsse Geld da sein. Zumal das 2016 zugesagt worden sei, so Steffen Wandschneider (SPD). Der OB signalisierte nun sein Entgegenkommen.

Kommentar von Nicole Pätzold: Zwei Welten, ein Rostock
Wer hätte gedacht, dass „25 Jahre Lichtenhagen“ ein so leidiges Thema wird? Natürlich muss Rostock dem Pogrom gedenken und mahnen, dass so was nicht wieder passiert. Ich glaube sogar, da sind sich die meisten Rostocker einig. Aber über das Wie gibt es unterschiedliche Meinungen. Es kam bei einigen die Beklemmung auf, dass Stadt und Bürgern mit einem „großen Gedenken“ ein Stigma-Stempel aufgedrückt wird. Können sie doch nichts dafür, seien doch nicht sie die Täter – so ein häufiges Argument. Es wird daran erinnert, wie schwierig die Zeit war. Gerade deshalb wären manche Rostocker wohl lieber leise, manche schmerzt die Erinnerung. Auf der anderen Seite stehen die Rostocker, die laut hinausrufen wollen, was passiert ist, dass sie es wissen, dass sie es verachten. Sie wollen sich genau damit von dem Rassismus distanzieren. Es sind zwei Welten, die aufeinanderprallen. Der Slogan „Vielfalt. Miteinander. Leben. Rostock 2017“ könnte beide Seiten zusammenbringen. Rostock blickt damit – auch bei einem Gedenken – ins Jetzt, wofür die Stadt jetzt steht und was sie sein will.
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