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Norddeutsche Neueste Nachrichten

17. Oktober 2017 | 17:22 Uhr

Flüchtlinge : Rostock bietet ein Zuhause auf Zeit

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Zwischen Familien und Einzelkämpfern: Fiete-Reder-Halle in Marienehe dient als Notunterkunft für Transitflüchtlinge

svz.de von
erstellt am 27.Okt.2015 | 12:00 Uhr

Eng liegen die zweckentfremdeten Turnmatten auf dem Hallenboden, lose Matratzen erstrecken sich neben Reihen von Feldbetten. Vereinzelt versuchen Menschen zu schlafen, haben meist ihr Gesicht mit einer Jacke bedeckt – das Deckenlicht blendet. Dazwischen spielen sechs junge Flüchtlinge Volleyball. Eine Bank dient ihnen als Netz. Privatsphäre gibt es hier beinahe nicht. Doch in der Fiete-Reder-Halle in Marienehe ist dies zweitrangig. Es geht vor allem um einen Schlafplatz, frische Kleidung, eine warme Mahlzeit.

Hierhin kommen Flüchtlinge, für die Rostock nur eine Durchgangsstation ist. „Diese Halle ist nur für einen Zwischenaufenthalt gedacht, der zwei Stunden oder auch zwei Tage dauern kann. Meist kommen die Menschen nach einer langen Reise hier an und wollen dann weiter nach Schweden“, erklärt Sabine Junge vom Deutschen Roten Kreuz. Ein Asylantrag in Deutschland wird nicht gestellt, sodass kein Anspruch auf eine Wohnung besteht.

Die Ehrenamtskoordinatorin und ihr Team aus Freiwilligen und Festangestellten kümmern sich um Verpflegung, Unterbringung und alle anfallenden Probleme. Und diese sind vielfältig. „Es beginnt damit, dass die Leute meist am Hauptbahnhof ankommen, dann müssen die Busse koordiniert, die Karten für die Fähre zugeteilt werden“, so der Objektverantwortliche Reno Rudek. Denn die Stadtverwaltung stellt die Halle und koordiniert die Ankunft, der Rest obliegt den Helfern vor Ort. Und auch wenn sich gestern nur 77 Flüchtlinge in der Halle befanden, bedeutet dies keineswegs wenig Arbeit. „Heute ist es gerade ruhig, aber im Durchschnitt haben wir hier 500 Personen pro Tag, die ankommen oder abreisen“, berichtet DRK-Mitarbeiter Gunnar Jasinski, dem die Einsatzleitung obliegt. Seit der Eröffnung der Halle im September haben etwa 25  000 Menschen die Einrichtung durchlaufen. „Viele kommen mit einer Erkältung, haben wunde Füße nach dem langen Marsch und freuen sich einfach über warme Socken und Jacken oder auch Schuhe“, sagt Enrico Zessin. Der Arzt aus dem Südstadtklinikum ist an diesem Nachmittag für die medizinische Versorgung zuständig und appelliert an die Rostocker, weiterhin Kleidung zu spenden.

Vor allem diese Ausführungen beschäftigen Peter Stein. Der Bundestagsabgeordnete der CDU ist bei seinem gestrigen Rundgang an einigen Stellen sichtlich mitgenommen. „Wen das kalt lässt, der ist kein Mensch. Ich muss ja immer den Spagat finden zwischen der notwendigen Hilfe für die Flüchtlinge und den Befürchtungen der Bevölkerung. Aber gerade in dieser Situation hat MV auch die Chance, sich positiv zu zeigen. Unsere Zahlen sind ja anders als etwa in Bayern.“ Je früher die Integration starte, desto besser könne sie gelingen.

Doch interessiert das die Flüchtlinge in Marienehe nur am Rande. Sie warten auf ihre Weiterreise. Zwei Fähren täglich bringen sie nach Schweden, der erste Weckruf ertönt um 4 Uhr, es folgt das Frühstück und die Vorbereitung auf die Abreise, bevor um 5.15 Uhr der erste Bus das Gelände Richtung Fährhafen verlässt. Doch meist folgt nur wenig später ein neuer Bus mit Ankömmlingen. „Wir versuchen es den Menschen so angenehm wie möglich zu machen, doch an vielem fehlt es. Wir haben nicht genug Duschen, Hygieneartikel wie beispielsweise kleine Zahnpastatuben fehlen. Doch das sind Herausforderungen die wir meistern und die Leute sind dankbar, dass alles ruhig und organisiert abläuft“, so Sabine Junge.

Studie: Stadt muss 1040 Wohnungen bauen

Vor allem für die Hansestadt Rostock sieht das in Hannover ansässige Pestel-Institut für Systemforschung angesichts des anhaltenden Zustroms von Flüchtlingen akute Lücken im Wohnungsangebot. Während in den meisten anderen Regionen Mecklenburg-Vorpommerns leer stehende Wohnungen rasch als Unterkünfte aktiviert werden könnten, gebe es solche Puffer in Rostock nicht. Rund 1040 Wohnungen würden zusätzlich für die in diesem Jahr erwarteten 2600 Flüchtlinge benötigt. „Diese Lücke lässt sich nur durch Neubau schließen“, sagt Institutsvorstand Matthias Günther. Sein Institut hatte im Auftrag der Industriegewerkschaft Bauen – Agrar – Umwelt den zusätzlichen Bedarf ermittelt.

Alles rund um die aktuelle Flüchtlingsdebatte lesen Sie in unserem Dossier.

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