Warnemünde : Rhabarber von der Ostseeküste

Einziger Anbaubetrieb für Rhabarber in MV: Steffi Blohm hält bei der Rhabarberernte auf einem Feld des Landwirtschaftsbetriebes Blohm in Diedrichshagen eine Rhabarberstange. Die Ernte steht vor dem Abschluss.  Fotos: Bernd Wüstneck
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Einziger Anbaubetrieb für Rhabarber in MV: Steffi Blohm hält bei der Rhabarberernte auf einem Feld des Landwirtschaftsbetriebes Blohm in Diedrichshagen eine Rhabarberstange. Die Ernte steht vor dem Abschluss. Fotos: Bernd Wüstneck

Bei Bauer Blohm steht die Ernte vor dem Abschluss. Armdicke Stangen werden zu Most verarbeitet.

svz.de von
18. Juni 2016, 16:00 Uhr

Rhabarber-stauden so weit das Auge reicht. Stolz zeigt Landwirt Hans-Henning Blohm eine besonders starke Stange: armdick, fast einen Meter lang und rund ein Kilo schwer. „Die Sorte Goliath macht ihrem Namen alle Ehre“, sagt der einzige professionelle Rhabarberanbauer in MV.

In wenigen Tagen muss die knapp 3000 Quadratmeter große Fläche in Diedrichshagen bei Warnemünde abgeerntet sein. Anders als im Kleingarten, wo Rhabarber von April bis Juni mehrmals den Beeten entnommen wird, setzen Experten auf nur eine Ernte bis zum 20. Juni.

Mitarbeiter ziehen Stiel für Stiel aus den Pflanzen, um das untere Ende und den Blattansatz schwungvoll mit einem scharfen Messer abzuschlagen. „Jeder Hieb muss sofort sitzen, ansonsten geht zu viel Zeit verloren“, sagt einer aus der Runde der Erntehelfer. Sauber geputzt fliegt die versandfertige Stange in hohem Bogen in eine Gitterbox auf einem Traktor. Ist die randvoll, geht es direkt weiter zur Mosterei in Satow. „Morgens geerntet, mittags bei uns und noch am gleichen Tag fließt der Saft. Frischer geht es nicht“, sagt der Juniorchef des Mosterei-Familienunternehmens, Benjamin Peters. Er wirft Stange für Stange in eine Spezialpresse. Unter Getöse wird der Rhabarber zerkleinert, ausgepresst und in einem Tank zwischengelagert. Unter Zugabe von etwas Zucker wird der Saft am nächsten Tag abgefüllt. „Ganz ohne Zucker geht es nicht. Sauer macht zwar lustig, aber ganz so lustig wollen es die Norddeutschen dann doch nicht“, meint Peters. „Eine Schorle vom ersten frischen Obst des Jahres ist derzeit der Getränkerenner schlechthin“, heißt es beim Hotel- und Gaststättenverband. Immer mehr Gastronomen zwischen Boltenhagen und Ahlbeck bieten Rhabarberschorle an. Aber auch in anderen Regionen kommt das frisch-fruchtige Getränk gut an.

Botanisch gesehen ist Rhabarber ein Gemüse, gilt der Zubereitung wegen aber als Obst. Allerdings hält sich die angebotene Menge in Grenzen. „Genau das war für uns der Anlass, vor fünf Jahren mit dem Rhabarberanbau zu beginnen. Mit ein paar Stangen aus dem Hausgarten konnten wir der wachsenden Nachfrage der Kunden im Hofladen und im Restaurant auf unserem Reiterhof nicht mehr nachkommen“, so Blohm. Eigentlich betreibt der 74-Jährige auf einer Fläche von 450 Hektar Ackerbau sowie einen Reiterhof. Sein Wissen über den ursprünglich im Himalaya beheimateten Rhabarber hat sich der Neueinsteiger bei Anbauern in Rheinland-Pfalz geholt.

Dort wurde er auch auf der Suche nach Pflanzen fündig. Zum Einsatz kommen überwiegend holländische Neuzüchtungen. Die sind den Sorten in vielen Kleingärten im Ertrag deutlich überlegen. „Die Kleingärtner bringen uns zunehmend dünnere Stangen“, sagt Peters. „Keine Ahnung, woran das liegt. Damit ist aber keine wirtschaftliche Produktion möglich.“ Umso mehr freut er sich über den Rhabarber von der Ostseeküste. Etwa fünf Tonnen werden es in diesem Jahr sein. „Das Ergebnis hätte besser ausfallen können, wenn es auch mal geregnet hätte“, sagt Christian Blohm. Der Sohn des Seniorchefs übernimmt schrittweise die Geschicke des Unternehmens. Die Rhabarberfläche will er weiter ausbauen.

Rolf Hornig von der LMS Landwirtschaftsberatung in Schwerin sieht für den Rhabarberanbau im Land gute Zukunftschancen. „Leider haben sich bislang keine weiteren Interessenten gefunden. In anderen Bundesländern sieht das anders aus. Und alle sind erfolgreich“, sagt er. Ein Betrieb in Thüringen baue in diesem Jahr auf vier Hektar das Obst an. In Diedrichshagen wird es mit den beabsichtigten Neupflanzungen im Herbst lediglich knapp ein halber Hektar sein. Für die nächsten Tage steht die Pflege der abgeernteten Flächen an. Zurückgeblieben sind die abgeschlagenen Blätter und Stielansätze, die als organischer Dünger wirken.

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