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Norddeutsche Neueste Nachrichten

20. November 2017 | 22:15 Uhr

Syrischer Flüchtling : Rappen für die Toleranz

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Abdul Rahman musste sein kriegsgebeuteltes Land verlassen – und macht jetzt in Rostock Musik.

„Dort kann man nicht bleiben“, sagt Abdul Rahman. „Sie kommen von der Isis, von der syrischen Armee oder von der Rebellenarmee und fragen dich, auf welcher Seite du stehst. Dann kannst du nicht antworten, dass du neutral und gegen den Krieg bist. Jeder will, dass du dich für ihre Seite entscheidest.“ Als Abdul Rahman das klar wurde, schaffte er seine Familie aus dem Land. Das war 2013.

Er selbst ging nach Deutschland, kam nach Rostock und lebt jetzt in Groß Klein. Abdul Rahman ließ mehr zurück als seine zerstörte, von drei Parteien umkämpfte Heimatstadt Aleppo, die syrische Finanzmetropole und eine der ältesten Städte der Menschheit. Er ließ auch seine Fans zurück. Unter seinem Künstlernamen Murder Eyez hat er sich als Rapper im arabischsprachigen Raum einen Namen gemacht. Sein Büro, sein Studio und die beiden Geschäfte seines Hiphop-Modelabels ließ er zurück. „Das Büro und einer der Läden sind schon zerstört“, sag er.

Das hat er über Whatsapp erfahren, aber es war nur eine von vielen schlechten Nachrichten aus seiner Heimat. Es vergeht kaum eine Woche, in der er nicht vom Tod eines Bekannten oder eines Verwandten erfährt. „Dieser Krieg hat mit dem Islam nichts zu tun“, sagt er. „Der muslimische Glauben gründet sich auf Liebe, Respekt, Toleranz und Barmherzigkeit. Es gibt bei uns Muslimen eine lange Tradition des verbalen Diskurses über Fragen des Glaubens und der Gesellschaft. Diesen Streit haben wir auch in unserer Familie geführt. Aber das ist vorbei. In Syrien gibt es nur noch Krieg und Blut.“

In den Texten seiner Songs thematisiert er die Probleme seines Landes, gegen die regierende Clique alter Männer, gegen die Unterdrückung der demokratischen Bewegung und gegen den Krieg. Seinen Künstlernamen Murder Eyez, der in der wörtlichen Übersetzung Mörder-Blick ziemlich martialisch klingt, will er anders verstanden wissen: „Das ist einfach die Aufforderung, selbstbewusst den Realitäten ins Auge zu blicken und sein Leben als Herausforderung aufzufassen.“ So zeigen es auch die Texte seiner Songs: Murder Eyez will unter der arabischen Jugend Selbstvertrauen verbreiten, damit sie sich gegen jede politische Instrumentalisierung wehrt. Über den Krieg kann er nur den Kopf schütteln: Erst der Bürgerkrieg mit den Rebellen im eigenen Land und nun, von außen, die Isis-Truppen, eine Neuauflage der Al Quaida.

„Syrien war das sicherste und stabilste Land der arabischen Welt. Und Aleppo war die sicherste und reichste Stadt Syriens. Deshalb wünschen sich inzwischen viele das Assad-Regime zurück.“ Abdul Rahman wird nachdenklich. „Mein Vater starb vor fünf Jahren. Mich tröstet es, dass er nicht mit ansehen musste, wie sein Land unterging.“ Doch als Murder Eyez, ausgezeichnet mit dem inoffiziellen Fantitel „The Syrian Legend“, kann der IT-Ingenieur, Musikproduzent und Grafikdesigner auch im Exil weiter Musik machen, im LT-Club hatte er bereits Auftritte. „Ich werde hier nach Partnern suchen, neue Einflüsse verarbeiten. Der Rostocker Rapper Marteria ist schon mal sehr cool. Aber ich muss natürlich deutsch lernen.“

Bis zum morgigen Sommerfest im Asylbewerberheim wird er das nicht mehr schaffen. Aber er ist dabei, seine dreiteilige Performance inklusive einiger Überraschungen vorzubereiten. So will er Brücken bauen zwischen den Flüchtlingen und der Stadt. „Die Menschen leben dort sehr isoliert und man begegnet ihnen oft mit Angst und Misstrauen. Aber dafür gibt es keinen Anlass.“

Morgen findet in der Flüchtlingsunterkunft in der Satower Straße 129 von 15 bis 22 Uhr das Sommerfest versus Isolation statt. Mit dabei sind die Samba-Gruppe Movimento, die Streetjazzband Mary Jane and the Baltic Sea Orchestra und die Punkrock-Band Flexfitz. Außerdem erwarten die Besucher Ausstellungen, Mitmach-Angebote, Kinderschminken, Zirkusworkshops, Kickern, Trampolin, Hüpfburg und vieles mehr.

 

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