Straßen der Kapitäne : Proppen schlug beim Schlachter ein

Von Kindesbeinen an ist Dieter Borgwardt Fischer aus Leidenschaft. Im NNN-Gespräch erinnert er sich an seinen Vater Waldemar.
Foto:
Von Kindesbeinen an ist Dieter Borgwardt Fischer aus Leidenschaft. Im NNN-Gespräch erinnert er sich an seinen Vater Waldemar.

Neue NNN-Serie aus Warnemünde: Heute mit dem Borgwardt-Weg. Im Gespräch mit dem Sohn des Namensgebers.

svz.de von
06. Juni 2016, 12:00 Uhr

Dieter Borgwardt – eine der Straßen im Ostseebad trägt den Namen seines Vaters Waldemar. NNN-Autorin Monika Kadner hat mit dem 69-jährigen Schiffsführer in der Fischerei über den Borgwardt-Weg und vieles mehr gesprochen.

Von welchem Erlebnis seiner Seefahrt hat Ihr Vater immer wieder berichtet?

Davon, als er mit der „Iller“ untergegangen ist. Wenn Dir so ein Schiff unterm A…wegsackt, muss das grausam gewesen sein. An diesem Septembertag 1944, mein Vater hatte als 2. Steuermann Wache und gerade Handschuhe und Mütze abgelegt, traf eine Bombe voll auf das Schiff. Vaters Hände verbrannten und auch auf dem Kopf waren schwere Brandwunden.

Konnte er aber auch von schönen Dingen berichten?

Ja, er erzählte auch was Lustiges. Sie hatten in Svendborg (Dänemark) mit dem Kümo (Küstenmotorschiff – die Redaktion) angelegt. Mit einem Holzproppen wurde damals das Loch des Abflusses vom Kühlwasser nach dem Anlegemanöver verstopft. Der Kapitän wollte von einer zur anderen Minute auslaufen und hörte nicht auf seinen Steuermann, dass der Proppen noch steckte. Als die Maschine nach erstem Holpern lief, flog mit Getöse auch der Proppen mit Volldampf raus. Allerdings in die Schaufensterscheibe der gegenüberliegenden Schlachterei. Nach der Wende habe ich mir den Ort dieses Geschehens mal angesehen. Die alte Schlachtersfrau stand zwar nicht mehr im Laden, sie hatte aber diese Geschichte auch ihren Nachkommen weitergegeben.

Welche kleinen Schwächen gab er ungern zu?

Er hatte immer einen Glimmstängel zwischen den Lippen. Alle schimpften mit ihm, weil seine Gesundheit nicht die beste war. Er konnte einfach nicht mit dem Rauchen aufhören.

Gab es ein Lieblingsgericht?

Und ob, bei jeder Gelegenheit stand im Winter Grünkohl auf dem Tisch. Aus dem eigenen Garten. Das ist auch in meiner Familie noch so, dass wir Grünkohl gern essen.

Was hat er vererbt, worauf Sie heute noch stolz sind?

Die Pelzmütze, die heute noch bei uns im Ruderhaus am Haken hängt. Wahrscheinlich schenkten ihm die russischen Ingenieure, die in den 50er-Jahren auf der Werft waren, diese Mütze. Die hält auch heute noch gut warm. Vererbt hat er uns bestimmt seine Strebsamkeit, seine bedingungslose Liebe zur See. Er war so ein Durchhalter, der einfach nicht aufgab. Der Krieg hatte ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht fürs Studium. 1954 setzte er sich nochmals auf die Schulbank in Wustrow. Er wollte unbedingt das Patent „A6 – Kapitän auf großer Fahrt“. Ich konnte von Booten auch nicht lassen. Arbeitete als Stift in den Ferien, damit ich mir eines der Rettungsboote kaufen konnte. Die wurden damals dutzendweise von den Loggern ausgemustert. Mein erstes Angelboot! Meine nun schon 46-jährige Tochter Kerstin ist übrigens die einzige Frau auf der Mittelmole, die berufsmäßig Fischerin ist. Eine Leiterin des Fischereibetriebes ganz ordentlich gesagt. Auf ihr Kommando hören Bruder Torsten und Mann Andreas.



 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen