Medizinisches Talent in Rostock : Pia nutzt Blindheit um zu helfen

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Pia Hemmerling arbeitet als Medizinische Tastuntersucherin – die einzige in MV. Das Vorsorgeangebot gibt es jetzt auch in Rostock.

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06. März 2016, 09:00 Uhr

Pia Hemmerlings Hände sind zart, die Nägel kurz geschnitten, die Finger lang und feingliedrig. Was sie mit ihnen ertastet, kann hart sein, klein und knubbelig „oder sich anfühlen wie Blumenkohl, so hat es mal eine Patientin beschrieben und das trifft es manchmal auch“. Die 28-jährige Hemmerling ist Medizinische Tastuntersucherin (MTU) – und stark sehbehindert.

Ihre angeborene Erkrankung, ein so genanntes Glaukom, auch als Grüner Star bekannt, wird irgendwann zur kompletten Erblindung führen. Spätestens dann ersetzen Hemmerlings Hände komplett ihre Augen. Aktuell helfen sie dabei, Veränderungen im weiblichen Brustgewebe zu ertasten. Veränderungen, die viele Ursachen haben – aber im schlimmsten Fall eben auch zu Krebs werden können.


Qualifikation dauert neun Monate


Hemmerling gehörte zur ersten Gruppe von blinden und sehbehinderten Frauen, die zu MTU ausgebildet wurden. „Ich bin also eine von den Top Ten“, sagt die 28-Jährige und lacht. Die gebürtige Bützowerin arbeitete nach der Schulausbildung in Neukloster zuerst in einem Reisebüro in Hamburg, kellnerte außerdem im Dunkelrestaurant. „Doch die Arbeit im Büro war nichts für mich“, blickt Hemmerling zurück. Im Fernsehen sah sie einen Beitrag über Discovering Hands und meldete sich an.

Die Qualifikation zur MTU ist keine Aus-, sondern eine Weiterbildung und dauert neun Monate – drei davon sind einem Praktikum in einer gynäkologischen Praxis oder einer Klinik vorbehalten. Von ihrer Tätigkeit leben kann Hemmerling erst, seit sie im Berliner MTU-Zentrum fest angestellt ist und auch von Elbe und Alster an die Spree zog.

Seit gut einem Jahr ist sie zusätzlich regelmäßig in Rostock und bietet die medizinische Tastuntersuchung in der Praxis von Dr. Andreas Pfeiffer in Dierkow an. „Als ich das erste Mal von Discovering Hands hörte, entstand in mir ganz instinktiv der dringende Wunsch, so etwas auch anzubieten“, so Pfeiffer. Und das unabhängig von seiner Praxis für Patientinnen aus ganz MV und von anderen Gynäkologen. Kritikern, die ihm unterstellen, damit für seine eigenen Dienste zu werben, hält Pfeiffer entgegen: „Ich brauche nicht noch mehr Patienten. Es geht um die Bereitstellung eines Vorsorge-Angebotes für Frauen, das es hier im Land noch nicht gab.“

Er hat der MTU einen eigenen Raum mit einer Untersuchungsliege, Schreibtisch und Waschbecken bereit gestellt. Den bezieht Pia Hemmerling nun mindestens einmal pro Monat, manchmal auch gleich für mehrere Tage am Stück. Über ihr Engagement in Rostock freuen sich nicht nur die Patientinnen, „sondern auch meine Oma, bei der ich mit meinem Hund Moritz dann immer unterkomme“, sagt die junge Frau.

Vier Frauen hat sie an diesem Tag untersucht, die letzte ist eine Patientin aus Lichtenhagen-Dorf. „Ich finde das einwandfrei und habe sofort gedacht, dass ich dieses Angebot wahrnehme“, sagt die Frau. Auch wenn sie schon im Alter für eine von der Krankenkasse bezahlte Mammografie-Vorsorge sei: „Die Tastuntersuchung bietet mir zusätzliche Sicherheit und ist außerdem fast schmerzfrei.“


Bei Patientinnen
überwiegt die Neugier


Pia Hemmerling hat nicht nur besonders sensible Finger, sondern weiß auch, wie sie mit ihren Patientinnen umgehen muss. „Bei den meisten überwiegt die Neugier die Angst“, sagt sie. Oft dauere es nur ein paar Minuten, bis die Frauen Hemmerlings eigene Krankengeschichte erfahren wollen und von der Tastuntersuchung abgelenkt wären.

Die Wahl-Berlinerin erzählt ganz offen ihre Geschichte, von der Hornhauttransplantation vor drei Jahren, vom rechten Auge, auf dem sie nichts mehr sieht und vom linken, auf dem sie noch zwischen zwei und fünf Prozent Sehkraft besitzt. In ihrem Untersuchungszimmer in Rostock bewegt sie sich völlig frei – die Wege sind im Kopf abgespeichert. „Ich weiß auch, mit welcher Bahn ich zum Bahnhof komme.“

Mit ihrer Behinderung hätte sie sich mittlerweile abgefunden. Dass sie daraus eine Begabung machen konnte, sieht die 28-Jährige nach sieben Jahren als MTU recht emotionslos. „Es sind schon Verschleißerscheinungen spürbar und ich habe richtig Lust, noch einmal etwas anderes zu machen.“


Ein Knoten ist nicht immer gleich Krebs


Was das sein könnte, weiß sie noch nicht. Der Arbeitsmarkt würde ja auch nicht auf fast blinde Frauen warten. „Und wenn man einmal einen Job gefunden hat, dann versteht auch der Arbeitsvermittler nicht, dass man einen neuen möchte“, so Hemmerling. Sie würde auch nicht behaupten, dass nur blinde Frauen besonders gut tasten. „Was ich kann, könnte auch ein Sehender. Aber wir haben im Gegensatz zu den Frauenärzten viel mehr Zeit für eine Untersuchung“, sagt sie.

Während ihrer Qualifikation zur MTU hätte sie gelernt, welche Gewebeveränderungen in Brüsten auftauchen könnten. „Die Patientinnen sind oft panisch, wenn ich etwas spüre. Ein Knoten ist aber nicht immer gleich Krebs. Und was ich fühle, können auch Zysten sein, Talgdrüsen oder Fettanlagerungen.“

Im Idealfall könne sie Veränderungen ab 0,4 Zentimetern spüren. Manchmal käme es auch vor, dass sich Brüste nicht für die Tastuntersuchung eignen – „wenn sie zu groß sind, zu dichtes Gewebe haben oder es der Frau zu weh tut“.

Im Lauf der Jahre hätte sie schon einige „Volltreffer“ erfühlt. Dass sie mit ihren Fingern hilft, durch das Erkennen von Veränderungen deren frühzeitige Behandlung zu ermöglichen und so Leben zu retten, macht Pia Hemmerling schon auch stolz. Und ist ein Grund dafür, dass sie aller paar Wochen in den Zug nach Rostock steigt, um auch den Frauen in MV eine wichtige Vorsorgeleistung zu ermöglichen.

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