Post : Paketbote wird zum Glücksbringer

Die Empfängerin ist glücklich: Damit, dass der Paketbote bei ihr klingelt, hat Gisela Brethack nicht gerechnet. Das Päckchen ist eine Weihnachtsüberraschung und stammt von ihrem Sohn, der in der Nähe von Essen wohnt.   Fotos: Claudia Labude-Gericke
1 von 4
Die Empfängerin ist glücklich: Damit, dass der Paketbote bei ihr klingelt, hat Gisela Brethack nicht gerechnet. Das Päckchen ist eine Weihnachtsüberraschung und stammt von ihrem Sohn, der in der Nähe von Essen wohnt. Fotos: Claudia Labude-Gericke

Für Zusteller René Krohn ist jetzt die stressigste Zeit des Jahres / Auch an Heiligabend liefert er bis 14 Uhr Päckchen aus

svz.de von
23. Dezember 2013, 06:00 Uhr

Als sich René Krohn um 10 Uhr vormittags auf dem Firmenparkplatz in Groß Schwaß in den gelben Transporter setzt und den Motor anlässt, hat er schon anderthalb Stunden Arbeit geschafft – aber noch 180 Pakete zum Austragen vor sich. Seit 27 Jahren arbeitet der gelernte Agrotechniker bei der Deutschen Post, 18 davon im Paketdienst. Jetzt, kurz vor Weihnachten, ist für ihn und seine Kollegen die stressigste Zeit des Jahres. Immerhin sind momentan täglich mehr als doppelt so viele Päckchen auszutragen wie normal.

Doch davon lässt sich der Broderstorfer nichts anmerken. Mit den Berufsjahren und wachsender Erfahrung kam auch die innere Gelassenheit. „Ich renne zum Beispiel nicht mehr, zügiges Laufen reicht auch“, sagt Krohn und packt Paket um Paket aus dem Wagen. Sein Zielgebiet ist die Rostocker Kröpeliner-Tor-Vorstadt (KTV). In der Weihnachtszeit muss er weniger Straßen anfahren – die Zustellbezirke, in die die Hansestadt eingeteilt ist, wurden von 40 auf 70 erhöht. In den ländlichen Regionen nehmen die Briefträger auch die Päckchen mit.


Mit flotten Schritten
ins Dachgeschoss


Zur Unterstützung für die Zusteller aus Groß Schwaß wurden extra 30 Studenten angeheuert, die nun ebenfalls mit den gelben Autos unterwegs sind und bestellte Geschenke, liebe Gruß- oder sogar Überraschungspakete ausliefern. 80 davon hat Krohn direkt morgens vom Förderband in einen separaten Rollbehälter sortiert und an einen anderen Fahrer abgegeben. Schließlich hat er schon mit dem, was sich in den Fächern seines Transporters stapelt, genug zu tun. „Große Pakete sind mir eigentlich lieber. Und Läden, wo man viel auf einmal loswird. Da sieht man schneller Erfolge“, sagt der Zusteller. Er selbst läuft an diesem Tag vor allem für kleine Pakete, deren Absender Bücher, DVDs, Fotokalender oder Poster vermuten lassen. Auch eine Kiste mit zwölf Weinflaschen ist dabei. 31,5 Kilogramm darf ein Paket maximal wiegen. Für diese schweren Exemplare hat Krohn eine Sackkarre im Auto. So kommt er in Häusern ohne Fahrstuhl wenigstens halbwegs komfortabel von der Auto- zur Haustür. Ins Dachgeschoss kommen die Geschenke dann aber nur mit Muskelkraft – in den Armen und in den Waden. Denn der 56-Jährige nimmt immer zwei Stufen auf einmal, „sonst werd’ ich ja nie fertig“.

Flott sind seine Schritte auch, wenn er nicht gerade die Etagen erklimmt. Seine Frau, die übrigens auch bei der Post arbeitet, und Briefe zustellt, ginge deshalb auch nicht gerne mit ihm spazieren. „Mit dem Hund komm ich schrittmäßig besser aus“, sagt der Broderstorfer und grinst. Entgegen aller Vorurteile hat Krohn auch als Paketbote keine Angst vor Hunden. „Ich hab immer Leckerli in der Tasche“, sagt er und holt wie zum Beweis ein paar davon heraus.


Schnee ist ein größeres
Problem als Hunde


Was ihm wirklich Probleme bei der Arbeit bereitet, das sei der Schnee. „In der KTV wird alles nur an die Straßenseiten geschoben, die eh schon komplett zugeparkt sind.“ Dort dann mit dem Transporter durchzukommen, sei schon schwierig, noch komplizierter, auch noch eine Parklücke zum Ausladen zu finden. Wenn dann verständnislose Autofahrer hupen, drängeln oder schimpfen, könnten sich auch schon mal seine Mundwinkel verziehen.

Grundsätzlich lässt sich Krohn aber die gute Laune nicht vermiesen. „Bringt ja auch nix“, sagt er und begrüßt einen älteren Mann mit Namen, der nicht nur sein eigenes, sondern auch Pakete der Nachbarn annimmt. Das freut den Zusteller. Er kennt die Häuser in seinem Bezirk – und auch ihre Bewohner. Weiß, wer aus Alters- oder Krankheitsgründen langsamer zur Tür kommt, wo er vielleicht zweimal klingeln muss. Er kennt die schnellen und langsamen Fahrstühle, kennt die Viel-Besteller, aber auch diejenigen, die so nett sind, für ihre Nachbarn Pakete mit anzunehmen. Für einen längeren Plausch an der Tür fehlt besonders jetzt die Zeit, aber nette Worte werden doch öfter ausgetauscht. Gerade, weil Krohn auch Pflegeheime und viele ältere Mieter in seinem Gebiet hat. Zu Weihnachten gibt es da auch schon mal ein Päckchen Kaffee, Kekse oder eine andere Kleinigkeit für den fleißigen Zusteller. Solche Geschenke sind nett, müssten aber gar nicht sein, findet Krohn. Er freut sich auch, wenn ihm Dachgeschoss-Bewohner mal ein Stockwerk oder zwei entgegenkommen.

Einen großen Traum konnte er aber selbst in fast drei Berufs-Jahrzehnten noch nicht verwirklichen: „Es wäre wirklich toll, wenn mal jedes Paket sofort bei dem Empfänger landet, der es kriegen soll“, sagt er. Heute klappt es wieder nicht – der Stapel mit den Karten für verpasste Zustellung ist mit jeder Straße etwas kleiner geworden.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen