Theater : Orchester als Botschafter in Prag

Beim Applaus am Ende des Konzertes gibt es stehende Ovationen für das Orchester aus der Hansestadt unter der Leitung von Dirigent Ulrich Backofen. Fotos: Juliane Hinz
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Beim Applaus am Ende des Konzertes gibt es stehende Ovationen für das Orchester aus der Hansestadt unter der Leitung von Dirigent Ulrich Backofen. Fotos: Juliane Hinz

Rostocker Philharmonie reist für ein Gedenkkonzert in die tschechische Hauptstadt. Das Rudolfinum begeistert die Musiker.

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10. November 2014, 06:00 Uhr

Freitagmorgen, 9 Uhr. Vor dem Volkstheater halten vier Reisebusse und warten auf die Norddeutsche Philharmonie. Das Rostocker Orchester will mit 76 Musikern nach Prag. Mit einem Lkw ist Orchesterwart Bernd Wichner bereits auf der Autobahn. Er bringt die großen Instrumente wie Harfe, Pauken und Kontrabässe in die tschechische Hauptstadt. Alles, was Cello und kleiner ist, landet im Bus.

„Ich will mein Cello bei mir haben“, stellt Astrid Abel klar. Der Fahrer ihres Busses wollte es im Gepäckraum verstauen, damit es nicht bei einer scharfen Bremsung zum Wurfgeschoss würde. Doch die Musikerin sorgt sich um ihr sensibles Cello. „Der Musiker und sein Instrument sind miteinander verwachsen“, erklärt die Oboistin Liane Birgit Jahn. Der Kofahl-Fahrer gibt nach. Erst nach dem ersten Halt wird er sich doch durchsetzen.

Für Konzerte in andere Städte eingeladen zu werden, ist für die Norddeutsche Philharmonie nicht ungewöhnlich, aber selten genug, um noch besonders zu sein. An diesem Wochenende spielen die Rostocker im Prager Rudolfinum. Ein Gedenkkonzert mit dem Kühn-Chor Prag und Solisten anlässlich des 25. Jahrestages des Falls von Berliner Mauer und Eisernem Vorhang. Das Konzert ist eine Kooperation der Staatskanzlei MV, des Auswärtigen Amtes der Bundesrepublik und des Ministeriums für Kultur der Tschechischen Republik. Die Initiative ging vom Dirigenten Ulrich Backofen aus. Ovidiu David kann sich noch gut an den 9. November 1989 erinnern. Damals war er am Theater Stralsund beschäftigt. „Viel intensiver habe ich jedoch wenig später die Ereignisse in meiner Heimat verfolgt“, erzählt der Rumäne am Abend beim Essen in einem Prager Restaurant.

Den Menschen in Rumänien sei es damals sehr schlecht gegangen. Der Bratschist sorgte sich um seine Familie. Sein Bruder sei auf der Straße beinahe erschossen worden, konnte sich aber noch in Sicherheit bringen. Weihnachten ’89 sei dann geprägt gewesen von großer Euphorie. „Das sind Momente, die man nicht vergisst“, sagt Ovidiu David. Der Sonnabend beginnt ruhig. Einige Musiker erkunden vor dem Konzert noch die Stadt. Andere bleiben auf ihren Hotelzimmern, tanken Ruhe, üben noch die ein oder andere Passage. Die erste Anspielprobe und damit ein erstes Zusammentreffen mit Chor und Gesangssolisten findet erst am Nachmittag statt. Auf dem Programm stehen Beethoven, Dvorák und Schostakowitsch. Außerdem ein Lied, vorgetragen von Sängerin Marta Kubisova, eine regelrechte Hymne des Kampfes für die Demokratie für die Tschechen.

Als kultureller Botschafter Rostocks ist die Norddeutsche Philharmonie immer wieder in ganz Deutschland, aber eben auch im Ausland unterwegs. Im Januar geht es nach Salzburg. In Berlin gab es in der Vergangenheit mehrere Konzerte, am Gendarmenmarkt und im Dom. Gerade Letzteres sei besonders schön gewesen, findet Orchestervorstand Andreas Ott. Einmal zu spielen, ohne die andauernden Debatten um Finanzen im Hinterkopf zu haben, einfach für Begeisterung bei den Zuhörern zu sorgen, das tue gut und streichle die Seele, sagt der Kontrabassist.

Für Begeisterung sorgt auch der Konzertsaal, den die Philharmoniker bei der Probe zum ersten Mal sehen. Nicht nur, dass das Konzerthaus architektonisch ein Blickfang ist – mehr noch im Vergleich zu dem seit Jahrzehnten als Provisorium deklarierten Großen Haus in Rostock. Der Klang ist etwas ganz Besonderes. Noch am Abend, während die Musiker das Konzert auswerten, ist ein Satz immer wieder zu hören: „Eine tolle Akustik hat der Saal.“ Und während am Sonntag die vier Reisebusse wieder in Richtung Heimat über die Autobahn rollen, hängt noch der ein oder andere der Vorstellung nach, wie es wohl wäre, wenn es in Rostock ein neues Theater gäbe, einen Konzertsaal sogar.

 

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