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Norddeutsche Neueste Nachrichten

11. Dezember 2017 | 03:11 Uhr

Neue Visitenkarte für Kröpelin

vom

svz.de von
erstellt am 20.Mai.2010 | 09:24 Uhr

Kröpelin | Die Fensterscheiben sind kaputt geschlagen, die Türen eingetreten und die Wände mit Graffiti besprüht. Seit Jahren ist der Bahnhof in Kröpelin ein Schandfleck. "Ich wundere mich, dass das Gebäude noch nicht abgefackelt wurde", sagt Bürgermeister Hubertus Wunschik. Denn die Randalierer seien sogar schon aufs Dach geklettert. Neben den Bahnschienen liegen zerbrochene Ziegel. Vor fünf Jahren ist die letzte Mieterin aus einer der drei Wohnungen im Obergeschoss ausgezogen. Seitdem steht der Bahnhof leer - doch nicht mehr lange.

Dort, wo sich einst Schalter, Empfangshalle, Gepäckabfertigung, Gaststätte, Stellwerk, Büro des Bahnhofsvor stehers und Aufenthaltsraum befanden, ziehen schon bald Kunst und Kultur ein. Wenn es nach Wunschik geht, sollen die Bauarbeiten bereits im Sommer beginnen. "Der Bahnhof ist doch eine Visitenkarte der Stadt", sagt er. Wunschik ist nicht nur Bürgermeister, sondern auch Vorsitzender des im Februar gegründeten Vereins "De Drom" - "Der Traum" -, der das Gebäude in Zukunft nutzen möchte. "Irgendwas müssen wir in Kröpelin ja machen, sonst sind Besucher hier in zwei Minuten durchgefahren", sagt er.
"Irgendwas", das ist zum Beispiel eine Kunstakademie, die einen Masterstudiengang anbietet. Ihren Verwaltungssitz soll sie im Bahnhof einrichten, aber mit verschiedenen Standorten in der Region dezentral organisiert sein. Einige Gutshausbesitzer hätten sich bereiterklärt, das Projekt zu unterstützen, so der Vereinsvorsitzende. Das Konzept sei schon in Arbeit. "Irgendwas", das sind auch eine Galerie, eine Gaststätte, ein Veranstaltungsraum sowie Gastwohnungen für Künstler. Zudem sollen Kröpeliner Vereine wie die Volkssolidarität die Räume im Bahnhof nutzen können. "Wir wollen einen lebendigen, kulturellen Mittelpunkt für Stadt und Region schaffen - und das alles, ohne den städtischen Haushalt zu belasten", sagt der Vereinsvorsitzende.
Die Finanzierung des Projekts übernehme zum Großteil ein kulturinteressierter Geschäftsmann, der den Bahnhof Ende April gekauft habe. Für die Sanierung des Gebäudes stelle er dem Verein eine Summe von rund 250 000 Euro zur Verfügung - ganz uneigennützig, wie der Vorsitzende von "De Drom" betont. Und das, obwohl den Berliner nichts mit Kröpelin verbinde. "Er hat sich bei seinem Besuch hier spontan in die Gegend verliebt", sagt Wunschik. Und er halte die Ideen des Vereins für unterstützenswert. "Ich sehe, was Sie hier machen, kommt dem Gemeinwohl zugute", habe der Förderer gesagt. Er selbst wolle im Hintergrund bleiben.
Am 1. Juni fährt Wunschik gemeinsam mit dem stellvertretenden Vereinsvorsitzenden nach Berlin, um den Nutzungsvertrag zu unterschreiben. Die Nutzungsgebühr sei symbolisch, sie betrage einen Euro, sagt er. Der Vertrag gelte erst einmal für die kommenden 18 Jahre - bis der Investor 80 Jahre alt sei. Genug Zeit, um etwas zu entwickeln. "Außer Landwirtschaft und kleinen Betrieben hat die Region bislang nicht viel zu bieten", sagt Wunschik. Aus diesem Grund sei es wichtig, einen Nährboden für Kreative zu bereiten. Kultur sei auch ein Wirtschaftsfaktor. Sobald der Nutzungsvertrag unterschrieben ist, wollen die Mitglieder von "De Drom" in Arbeitseinsätzen Licht in den Bahnhof bringen und aufräumen. Überbleibsel wie Tresore, eine große alte Waage und Kundenschalter in dem denkmalgeschützten Gebäude sollen aber auf jeden Fall bleiben. "Wir wollen den Charme des Bahnhofs erhalten", sagt Wunschik. Dabei helfen sollen einige Planer, die sich bereiterklärt haben, den Verein in der Anfangsphase kostenlos zu unterstützen. Weitere Sponsoren werden noch gesucht.
Was die Randalierer angeht, die auch Heizungskörper herausgerissen und Kupferleitungen gestohlen haben, appelliert Wuschnik an den Menschenverstand. "Aber wahrscheinlich werden die erst dann aufhören, wenn wieder Leben im Bahnhof ist."

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