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Rostock/Malmö : Nach Verurteilung: Rostocker Diakon verteidigt Fluchthilfe

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Rostocker legt Berufung gegen Urteil aus Malmö ein

von
erstellt am 29.Jun.2017 | 20:45 Uhr

„Ich würde es wieder machen“, sagt Diakon Arne Bölt, „wenn jemand so in Not ist, würde ich wieder helfen.“ Dafür, dass er eine junge, syrische Mutter mit zwei Kindern im Januar 2016 über die schwedische Grenze brachte, damit sie zu ihrem Mann und ihren zwei weiteren Kindern kommt, wurde der 46-jährige Rostocker Mittwoch vom Gericht in Malmö verurteilt – zu einer Geldstrafe von 22.000 Kronen. Umgerechnet und zuzüglich Prozesskosten würden 6.500 Euro auf ihn zukommen. Sobald er das Urteil auch auf Deutsch hat, will Arne Bölt in Berufung gehen, aber nicht wegen des Geldes. „Mit diesem Urteil sind alle Helfer, die Flüchtlinge nach Schweden gebracht haben, kriminalisiert worden.“ Er wisse allein von 100, die in der „wilden Zeit“ ab September 2015 Flüchtlinge auf Fähren nach Schweden begleitet hätten. „Es kann nicht sein, dass man dafür verurteilt wird.“

Arne Bölt, in der Rostocker Innenstadtgemeinde vor allem in der Kinder- und Jugendarbeit tätig, übernahm als studierter Sozialarbeiter die Flüchtlingshilfe. In der Notunterkunft der Südstadtgemeinde traf er auf die Mutter mit ihren Kleinen – „ein Mädchen und ein Junge, vielleicht drei und vier Jahre alt“. Er weiß es nicht, die Verständigung war schlecht. Auch Übersetzer kamen nicht weit. Die Familie war auf der Flucht auseinandergerissen worden, die Frau psychisch am Ende. Sie hatte bereits versucht, nach Schweden zu kommen. Aber an der dänischen Grenze wurde ihr Pass eingezogen. „Sie kam nicht zur Ruhe, stand ständig in der Tür, deswegen kamen auch ihre Kinder nicht zur Ruhe.“ Sie schliefen nicht. Die Jüngste wurde krank, bekam Fieber. „Ich habe versucht, das mit den Behörden zu klären“ – erfolglos.

Als Bölt beruflich in Lübeck war, am 22. Januar 2016, ließ er Frau und Kinder einfach in den Zug setzen. Er wollte sie nach Neumünster bringen, wo der Pass lag und sie nach Schweden schicken. Doch erreichte er niemanden. „Ich habe es im Auto noch vom Handy versucht und dann gesagt, ich fahr sie komplett.“ Als den drei Syrern klar war, es geht nach Schweden, seien sie eingeschlafen. An der Grenze ging der Diakon sofort zur Polizei. Die hätten Mutter und Kinder freundlich aufgenommen. Er aber kam in Untersuchungshaft – als vermeintlicher Menschenhändler. Seine Frau, Freunde, Kollegen – niemand wusste, wo er war – für zwei Nächte. Sein Pflichtverteidiger bekam ihn frei. Wieder zu Hause bekam er Zuspruch von Familie, Freunden, aus der Gemeinde.

Am 14. Juni war das Verfahren. Das Gericht hätte eine Ausnahme machen können, weil Bölt rein aus humanitären Gründen handelte, doch es erkannte die Notlage nicht an. Gemäß Dublin-Abkommen, das sagt Bölt selbst, hätte Deutschland nach Abschluss des Asylverfahrens die Frau nach Schweden geschickt, dorthin, wo der erste Familienangehörige, ihr Mann, einen Asylantrag gestellt hatte. „Doch das hätte Monate gedauert“, schlaflose Nächte, psychisches Leid. Die Familie lebt heute in einem schwedischen Dorf. „Sie sind gesund und zusammen. Sie mühen sich, Schwedisch zu lernen. Die Eltern möchten Dolmetscher werden“.

Seine Hilfe hat etwas bewegt. „Menschlichkeit vor Gesetz“ – das sei ein christlicher Grundsatz, sagt der Diakon, das habe schon Jesus gelebt. Zu DDR-Zeiten jemandem über die Grenze zu helfen oder in der Nazi-Zeit jemanden verstecken – „es waren immer Gesetze, die dagegen sprachen“, sagt Bölt. Er wünscht sich eine bessere Einreisepolitik, „dass Menschen auf legalem Weg in legale Unterkünfte reisen können“. Das hätte weniger psychische Schäden zufolge, bessere Integrationschancen und die Menschen würden nicht Zehntausend Euro pro Kopf an Schlepper zahlen, sondern könnten hier erst mal mit dem Geld leben. „Es geht nicht alles auf einmal. Aber es gibt so viele Möglichkeiten, es besser zu machen.“

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