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Beziehungsfragen : Nach dem Klick hat es klick gemacht

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Die wahre Liebe via Dating-App Tinder finden geht nicht? Ein Paar beweist das Gegenteil – Ihre Geschichte

von
erstellt am 13.Mai.2016 | 11:45 Uhr

„Hier haben wir seine Familie in Ungarn besucht und hier einen Tagesausflug nach Kopenhagen gemacht.“ Tina Lampe scrollt durch die Bildergalerie ihres iPhones. Ihre Finger bewegen sich flink über das Display. Ihre Augen strahlen. Sie hält inne und lacht. „Dieses Bild finde ich am schönsten, da ist aber nur er drauf.“

Mit „er“ meint Tina ihren Freund Olivér Jánosi, ihren „Cuki“. „Cuki ist ungarisch und bedeutet so viel wie putzig“, erklärt die 27-Jährige. Kennengelernt hat sie ihn im Internet – über die Dating-App Tinder, zu Deutsch Zünder.

Bei Tinder kann sich jeder anmelden, der auch ein Profil auf dem sozialen Netzwerk Facebook hat. Die App ermöglicht dem Nutzer, Kontakte mit Leuten aus seiner Nähe zu knüpfen. Durch Wischgesten nach links oder rechts, entscheidet er, ob ihm jemand sympathisch erscheint oder nicht. Trifft ein anderer Nutzer dieselbe Auswahl für den anderen, kommt es zu einem Match und beide können miteinander chatten.

Bei Tina und Olivér funktionierte das Prinzip. Aus einer Nachricht wurden viele. „Oli hat sich eigentlich nur angemeldet, weil er einen Tagesausflug nach Berlin plante und jemanden gesucht hat, der ihm die Stadt zeigt“, sagt Tina. Bei ihr selbst war es anders: „Tinder ist ganz nett, um Komplimente zu haschen. Ich habe gehofft, dass ich dort jemanden treffe, den ich wirklich gerne habe, aber nicht damit gerechnet.“ Doch dann hat es Zoom gemacht. „Oli sagte, bei ihm hat es sofort gefunkt, als wir uns das erste Mal live trafen. Er umarmte mich, gab mir einen Kuss auf die Wange. Ich war etwas zurückhaltender“, erinnert sich die Rostockerin. Mittlerweile führen Tina und ihr Cuki seit fast einem Jahr eine Beziehung – entgegen den Behauptungen des Berliner Bestseller-Autors Michael Nast, der in seinem Buch „Generation beziehungsunfähig“ den 20- bis 40-Jährigen genau das Gegenteil unterstellt: Beziehungsunfähigkeit.

Laut der Rostocker Paartherapeutin Daniela Oberth entscheide die Kindheit darüber, wie beziehungsfähig wir sind: „Kinder bekommen Beziehungen vorgelebt. Wenn wir heutzutage beziehungsunfähig sind, bedeutet dies also auch, dass unsere Eltern beziehungsunfähig waren“, erklärt sie. Wer mit Wärme und Herzlichkeit aufgewachsen sei, wisse eine gesunde Beziehung einzuschätzen. „Ich glaube nicht, dass es Generationen gibt, die beziehungsunfähig sind. Wenn man jemanden richtig liebt, ist man auch beziehungsfähig.“

Stattdessen spricht sie von Veränderungen in der Bindungsfähigkeit, die durch Handy-Apps wie Tinder torpediert würden. „Jeder kann jeden zu jeder Zeit einfach austauschen.“ Die medialen Angebote seien in ihren Augen ein Geschäft mit der Einsamkeit. „Jeder sehnt sich nach Geborgenheit. Das ist ein Grundbedürfnis. Im Prinzip will jeder nur geliebt werden und ankommen.“

Doch Liebe sei nicht gleich Liebe. „Es gibt die ewige Liebe und die zeitlich befristete. Liebe kann sich wandeln“, erläutert die Beziehungsexpertin. „In den ersten 18 Monaten werden Botenstoffe ausgeschüttet, die uns zu teils irrationalen Denkweisen bewegen. Anschließend ist die Basis der Anziehungskraft entscheidend.“ Diese könne zum Beispiel auf intellektueller, beruflicher oder auf sexueller Ebene stattfinden. „Im Anfangsstadium einer Beziehung können sich auch Unterschiede anziehen. Dort ist die Liebe aber oft ein Kompromiss und Kompromisse sind nichts für die Ewigkeit“, sagt Oberth.

„Die Herzensfaktoren müssen einfach auf Gemeinsamkeiten beruhen: Was esse ich gerne? Wofür interessiere ich mich in der Freizeit? Welche Kleidung trage ich? Und wohin möchte ich in den Urlaub fahren?“ Ob eine Beziehung über diese Faktoren hinaus funktioniere, hänge von persönlichen Erlebnissen ab. „Ins persönliche Beziehungsleben starten wir meist als Teenager. Wir entscheiden selbst, ob wir uns auf jemanden einlassen. Wer schon mehrfach das Herz gebrochen bekam, möchte sich vielleicht nicht mehr fest binden.“

Es seien die Momente im Leben, die über das Schicksal entscheiden. Oberth verweist auf einen Auszug aus dem Gedicht „Stufen“ von Hermann Hesse: „,Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne’ – es ist egal wo und wie wir unsere Liebe finden. Wenn wir sie gefunden haben, dann wissen wir genau, dass es das ist und dass wir nichts anderes mehr wollen.“

Damit eine Beziehung funktioniert, hat die Paartherapeutin einen Tipp: „Die Kommunikation auf Augenhöhe ist das Wichtigste. Es darf sich niemand bevormundet oder unterdrückt fühlen. Zudem lebt eine Beziehung von Begegnungen. Der tägliche Austausch ist wichtig. Nur so können wir wissen, was der andere denkt und fühlt.“ Oberth betont, dass lediglich drei Prozent in einer passenden Paarbeziehung leben. „Alle anderen sind eigentlich auf der Suche.“

Tina hat aufgehört zu suchen. Tinder hat sie von ihrem Handy gelöscht. Die 27-Jährige ist glücklich. Ein Klick hat ihr zum Traummann verholfen. „Ich hatte es fast aufgegeben, über die sozialen Medien etwas Ernsthaftes zu suchen. Anfangs scheint Tinder interessant, doch schnell wird klar: Das ist wie die Nadel im Heuhaufen finden.“

Heute ist die Rostockerin froh, die App nicht einfach nach wenigen Tagen wieder deinstalliert zu haben. „Oli ist nicht nur unglaublich attraktiv für mich, er hat auch das Herz am richtigen Fleck. Er beschützt mich und bringt mich zum Lachen. Er zeigt mir, dass er mich wirklich lieb hat. Die Zeit mit ihm ist einfach nur schön.“ Bislang führt das Paar eine Fernbeziehung, sieht sich nur an den Wochenenden. Er macht seine Fachausbildung zum Kinderarzt in Neubrandenburg, sie arbeitet bei einer Krankenkasse in Rostock. „Wir haben schon über das Zusammenziehen gesprochen. Das wird der nächste Schritt“, sagt Tina Lampe.

Allen, die auf der Suche sind, gibt sie den Hinweis: „In der Liebe ist nichts unmöglich, auch nicht Tinder. Wichtig ist nur, dass man immer ehrlich miteinander umgeht und die eigenen Erwartungen definiert.“

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