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Norddeutsche Neueste Nachrichten

20. November 2017 | 09:03 Uhr

Festival : Musiker und Geschichtenerzähler

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Rund 1000 Besucher erfreuen sich an gelungenem See more Jazz mit internationalen Größen der Szene

Musiker sind auch Geschichtenerzähler. Das liegt nahe, wenn ihre Stücke mit Texten ausgestattet sind. Aber bei instrumentellem Jazz? Geht auch. Der schwedische Pianist Martin Tingvall bewies das gestern auf sehr charmante Weise in der Kunsthalle. Zu fast jedem seiner Stücke für Solo-Piano hatte er eine Story – sei es vom Stromausfall beim Konzert in Harare oder von der Mücke, die einen kurz vor dem Einschlafen sticht.

Das Konzert von Martin Tingvall bildete den Abschluss des diesjährigen Festivals See more Jazz. Und was für einen Abschluss! Der Skulpturensaal der Kunsthalle war brechend voll. Schon wieder ist es einem Schweden gelungen, Jazz auf eine äußerst populäre Weise zu spielen. Was vor Jahren Esbjörn Svensson gelang, das gelingt derzeit Martin Tingvall. Ausverkaufte Häuser, großes Publikum, die aktuelle CD des Tingvall-Trios in den Pop-Charts.

Andreas Martens und René Geschke, die Organisatoren des See more Jazz, hatten auch in diesem Jahr wieder eine gute Hand für die richtigen Bands und Musiker. Jahrelange Vorarbeit zahlte sich aus. Größen wie Martin Tingvall kommen gern nach Rostock, weil sie schon in die Hansestadt eingeladen worden waren, als sie noch nicht mit Preisen überschüttet oder wie Tingvall durch eine Zusammenarbeit mit Udo Lindenberg einem sehr breiten Publikum bekannt wurden. Hauptsächlich ist das natürlich seiner Musik zuzuschreiben: Virtuosität, die sich in den Dienst der Harmonie stellt. Tingvalls Stücke leben meist von soliden Bassfiguren von Boogie bis Walzer, zu denen in den höheren Lagen improvisiert wird. Manchmal derb, manchmal lieblich, immer mit einem Hang zur Melodie, nie atonal. Jazz ganz nah am Pop.

Auf andere Weise gilt das auch für die Schweizer Rusconi, die am ersten Festivalabend im Klostergarten spielten. Die Band um den Pianisten Stefan Rusconi verschiebt die klassischen Grenzen des Trios aus Piano, Bass und Schlagzeug immer weiter in Richtung Pop-Band. Bassist Fabian Gisler greift für ein paar Riffs oder Schrammel-Akkorde zur E-Gitarre, Stefan Rusconi setzt Synthesizer und Soundeffekte ein, um außerirdische Klänge zu erzeugen. Neuerdings singt das Trio sogar, was manchem Besucher irritierte Stirnfalten bescherte. Dabei sind Rusconi gleichermaßen poppig, experimentell und so frei wie kaum eine andere Band. Völlig losgelöst sind auch die Geschichten, die die Schweizer erzählen. Das Stück „Sojus Dream“ etwa ist dem Weltraumhund Laika gewidmet, der mit zunehmender Höhe zu ganz neuen Weltsichten und Lebenszielen kommt.

Eher irdisch gaben sich die anderen Festivalbands. Den Auftakt am Freitag machte das junge Rostocker Philipp-Rücker-Quartett, den Abschluss im lauschigen Klostergarten bildeten Nighthawks, die Band um den NDR-Big-Band-Trompeter Rainer Winterschladen. Das Sextett bot eine Mischung aus sehr sauber gespieltem Rock-Jazz. Genreübergreifend agierten am Sonnabend im Zoo auch Trumpet Night, das Projekt von Stefan-Raab-Trompeter Rüdiger Baldauf, der mit Ack van Rooyen und Joo Kroos zwei weitere Trompeten-Virtuosen auf der Bühne hatte. Da gab es neben Standards auch Cover-Versionen von Michael Jackson, da wurde sogar gerappt. Zuvor hatte der Sänger Jeff Cascaro, selber auch Trompeter, einen sehr souligen und herzerwärmenden Auftakt gegeben – passend zu den etwas frischen Temperaturen. Insgesamt rund 1000 Besucher verzeichneten Martens und Geschke. See more Jazz fand nun schon zum sechsten Mal statt.

 

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