Prozess in Rostock : Mühsame Aufarbeitung

Angeklagter Dr. Thomas M. (r.) mit seinen Anwälten im Landgericht
Angeklagter Dr. Thomas M. (r.) mit seinen Anwälten im Landgericht

Angeklagter Neurochirurg schweigt, Verteidiger will unterbrechen, Gericht lässt Kanzlei durchsuchen.

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30. Juli 2014, 20:50 Uhr

Zu Prozessbeginn im Juni schlugen die Wogen hoch. Jetzt sind es eher die Mühen der Ebene, die den Verhandlungsalltag bestimmen. Der Rostocker Neurochirurg Thomas M. wird auf dem Weg zur Anklagebank auch nicht mehr von Patienten angesprochen, die sich von ihm wortwörtlich falsch behandelt fühlten. Von ihnen waren etliche am ersten Prozesstag im Rostocker Landgericht erschienen.

Die ehemalige Krankenschwester beispielsweise, die nach vermeintlich unnötigen Bandscheibenoperationen unter Taubheitsgefühlen im Bein litt. Eine andere Patientin lastet dem Arzt an, seit einer ebenfalls unnötigen Operation an der Wirbelsäule schwer behindert zu sein. Nur zwei Fälle von mehreren, die für Aufregung in der Öffentlichkeit sorgten.

Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft in Sachen „Kunstfehler“. Doch in diesem Verfahren geht es um etwas anderes – um Abrechnungsbetrug in 17 Fällen. Das ist weniger spektakulär, eine Fleißarbeit für die Prozessbeteiligten.

Im Saal sind nur wenige Plätze besetzt, als der 51-jährige Familienvater aus der Untersuchungshaft hereingeführt wird. Er soll Leistungen abgerechnet haben, die er nie oder nicht in dem Umfang erbracht hat. Um mehr als 1,5 Millionen Euro hat er laut Anklage die Gesellschaft betrogen. Als die Unstimmigkeiten auffielen, verlor der Arzt 2010 seine Zulassung als Kassenarzt. Danach durfte er nur noch Privatpatienten behandeln, deren Anzahl im Umfeld seiner Praxis im Rostocker Plattenbauviertel Lütten Klein überschaubar gewesen sein dürfte. Auch da soll es zu Unregelmäßigkeiten gekommen sein.

Seit 2011 läuft den Angaben nach zudem ein Berufsverbot-Verfahren gegen den Mediziner. M. sah offenbar seine Zukunft gefährdet, packte seine Koffer und zog 2013 in die Schweiz. Für seine Zulassung dort verlangte das Kanton Zürich eine Unbedenklichkeitsbescheinigung. Die hat der Doktor kurzerhand gefälscht, sagt jedenfalls die Staatsanwaltschaft.

Der Arzt sagt in diesem Verfahren nichts. Davon machte er nur in der vergangenen Woche eine Ausnahme. Da beantragte er, einen seiner zwei Pflichtverteidiger abzulösen, weil das Vertrauen gestört sei. Dies lehnte das Gericht mit der Begründung ab, die Vorwürfe seien zu pauschal. Wogegen der Arzt inzwischen Beschwerde beim Rostocker Oberlandesgericht eingelegt hat. Bis zur Entscheidung bleibt der Rechtsanwalt dabei.

Weil sich Thomas M. zudem beklagte, der Verteidiger habe ihm Patientenakten vorenthalten, handelte das Gericht kurzerhand. Es schickte die Polizei mit einem Durchsuchungsbeschluss in die Kanzlei, damit sie die Akten holt und nun allen zugänglich macht.

Außerdem lehnten die Richter gestern den Antrag des zweiten Verteidigers, Alexander Kleinert, ab. Der wollte den Prozess unterbrechen lassen. Angeblich habe sich sein Mandant nicht auf die für gestern geplante Zeugenvernehmung vorbereiten können. Die Zeugen wurden dennoch gehört, allerdings nur kurz. Beide kamen von der Kassenärztlichen Vereinigung, die einst Anzeige gegen den Arzt erstattete.

Gestern wurden sie lediglich zum Abrechnungsprozedere befragt. Und das scheint aufwändig zu sein, kompliziert und nicht vergnügungssteuerpflichtig. Sie müssen wiederkommen, um über die Auffälligkeiten bei M.’s Abrechnungen zu berichten. Irgendwann nach der Sommerpause, die bis Ende August dauern soll.

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