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Norddeutsche Neueste Nachrichten

22. September 2017 | 19:13 Uhr

Verbrechen auf See : Mord und Totschlag an Bord

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Rostocker Kapitän lotet auf der Fährfahrt dunkle Kapitel der Schifffahrt aus. Von Piraterie, Meuterei und blinden Passagieren.

svz.de von
erstellt am 05.Jul.2017 | 12:00 Uhr

An Bord der „Berlin“ ging es kürzlich um „Mord und Totschlag“. Im Rahmen der Vortragsveranstaltungen der Seefahrtsschule auf der zwischen Rostock und Gedser pendelnden Scandlines-Fähre referierte Kapitän Hans-Hermann Diestel (74) zum Thema Kriminalität auf See. Von der Meuterei auf der „Bounty“ anno 1787 bis zum Unfall der „Costa Concordia“ 2012 war der Spannungsbogen weit gesteckt und fand reges Interesse bei den zahlreichen Gästen im Vortragsraum der Fähre, die sich beim maritimen Erlebnis der Überfahrt zugleich über ein dunkles Kapitel der Schifffahrt – über Kriminalität, Überschmuggler, Piraterie und Terrorismus auf hoher See - informieren konnten.

So war beispielsweise vom chinesischen Frachter „Chan Sheng“ die Rede, der im November 1998 von in Uniformen auftretenden Gangstern überfallen wurde, die 23 chinesische Seeleute erschlugen, die Leichen beschwerten und über Bord warfen. Die Täter wurden überführt und 13 von ihnen zum Tode verurteilt und erschossen. Allein die Piraterie vor Somalia kostete nach Recherchen des Rostocker Kapitäns in vier Jahren 62 Tote. Für andere Gekaperte war viel Lösegeld zu zahlen oder sie kamen durch Marineaktionen wieder frei. Auf der „Iceberg 1“, die einem Unternehmen aus Dubai gehörte, wurde die Besatzung fast drei Jahre von somalischen Piraten festgehalten, bis sie durch Marinekräfte im Dezember 2012 befreit werden konnte.

So eindeutig wie die Piraterie lassen sich manche persönlichen Schicksale nicht erklären. Auf der Bark „Rostock" , die im April 1850 von Newcastle kommend Rio de Janeiro anlief, ließ der Kapitän vier Seeleute wegen angeblicher Meuterei verhaften. Der Bericht dazu weckt aber eher den Eindruck, dass der Kapitän nur die vier wohl etwas kritischen Seeleute loswerden wollte. Manch Missetaten bleiben ungesühnt. Am 24. Juni 2010 soll die 19-jährige Kadettin Akhona Geveza in kroatischen Gewässern über Bord der „Safemarine Kariba“ gefallen sein. Sie hatte vorher beim Kapitän den ukrainischen Ersten Offizier der Vergewaltigung bezichtigt. Zusammenhänge drängen sich da auf, müssen aber erst bewiesen werden. Auf MS „Bärbel“ wurden im Sommer 1993 fünf von sechs Seeleuten ermordet – der Überlebende wurde Mangels an Beweisen frei gesprochen.

Auf Kreuzfahrtschiffen gingen seit 2000 etwa 200 Personen verschollen. Wurden sie Opfer eines Unfalls, waren Selbstmord oder Mord die Ursachen? Fragen, die vielfach unbeantwortet blieben. Ein Problem bereiten blinde Passagiere den Schiffsführungen – es ist nicht einfach, sie wieder los zu werden, weiß auch der Rostocker Kapitän aus eigener Erfahrung. Sie gewaltsam zu entfernen, wie auf der „MC Ruby“, aber ist ein Verbrechen. Am 24. Oktober 1992 versteckten sich sieben Ghanaer und ein Kameruner an Bord dieses Schiffes, nur einer überlebte. Der Rest wurde, nachdem man ihnen ihr Geld abgenommen hatte, erschlagen und über Bord geworfen. Der Kapitän und Erste Offizier wurden in Frankreich deshalb zu lebenslanger Haft verurteilt.

Seeleute leben insbesondere auf ausgeflaggten Schiffen mit Besatzungen unterschiedlicher Kulturen oft gefährlich. So verschwanden auch heimische Seeleute, die der Referent aus gemeinsamer Seefahrtzeit kannte, auf ungeklärte Weise. Er selbst sah sich 2010 auf der „Taurus“, dem letzten Schiff unter seinem Kommando, von einem Besatzungsmitglied mit Gewalt konfrontiert: „Kapitän, wir stellen Sie an die Wand und Sie kommen erst los, wenn wir es wollen!“, drohte der Widersacher unverhohlen. Die Reederei des ausgeflaggten Frachters entließ ihn erst, nachdem auch die nächste Schiffsführung dessen Gewaltbereitschaft zu spüren bekam.

Bei der Deutschen Seereederei (DSR) habe es neben Unfällen auch Selbstmorde gegeben - ein Mordfall an Bord sei ihm aber nicht bekannt, betont der Kapitän in seinem Vortrag an Bord.

1957 hatte er bei der DSR seine Tätigkeit als Lehrling begonnen. Seine ersten Reisen machte er mit dem Dampfer „Wismar“ sowie den Lehr- und Frachtschiffen „Heinrich Heine“ und „Theodor Körner“. Mit 28 Jahren erhielt er das Kommando als Kapitän des Typ-IV-Frachters „Schwerin“. Er führte weitere Schiffe mit dem Greif am Bug, wurde Nautischer Inspektor, Verantwortlicher für die Seeunfalluntersuchung in der Chefinspektion. Bis 1997 blieb die inzwischen privatisierte Reederei sein Tätigkeitsfeld. Danach prägte er nach einem kurzen Zwischenspiel bei Hanseatic in Limassol bei der Reederei Alpha Ship Bremen das Qualitätsmanagement der Schiffsführungen dieser Schiffe, war zuletzt noch als Ausbilder auf Schiffen der Reederei Rickmers unterwegs.

Der seemännischen Ausbildung und ihren Werten blieb er als maritimer Chronist bis heute verbunden. Das belegt einmal mehr sein Vortrag auf der Fähre.

Neun Bücher tragen inzwischen als Autor und Herausgeber seine Handschrift, das zehnte ist beim Hinstorff Verlag in Vorbereitung. Der DSR, die am 1. Juli vor 65 Jahren gegründet worden war, widmet er zudem eine Dokumentation, die ihre Probleme im Kalten Krieg veranschaulichen soll.

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